01/03/2026
Mit einem Text von Anselm Grün Segen. In euren Tag.
Am zweiten Fastensonntag trifft immer das Evangelium von der Verklärung. Das zeigt das Ziel der Fastenzeit an: dass unser wahres Wesen zum Vorschein kommt. Erhart Kästner, der den Berg Athos oft besucht hat, war immer fasziniert von den Darstellungen der Verklärung. Er meint: Verklärung ist „Durchbruch des Eigentlichen durchs Schemenhafte, des Lebendigen durch die Schatten, des Geliebten durchs Ungeliebte und die Ankunft des Langerwarteten, so weiß jeder, dass solche Momente es sind, um derentwillen wir leben. Verklärung ist Durchschein des Urbilds. Das wird von jedem Geborenen erhofft. Wir leben auf Verklärungen zu, worauf sollten wir sonst, es ist unsere angeborene Hoffnung.“ Verklärung bedeutet, dass etwas in uns klar wird, dass unser wahres Wesen zum Vorschein kommt.
Bei Matthäus steht hier das Wort „er wurde vor ihren Augen verwandelt (metaphorphothe)“. Es gibt in der Antike das bekannte Buch von Ovid „Metaphorphosen = Verwandlungen“. Alles, was lebendig ist, muss sich wandeln. Sonst erstarrt es. Das Ziel der Verwandlung ist, dass ich immer mehr ich selber werde, diese einmalige Person, als die Gott mich geschaffen hat. Verwandelt werden aber kann nur das, was ich annehme. Was ich an mir ablehne, das bleibt an mir hängen.
Die Verwandlung bei Jesus sieht so aus, dass sein Gesicht wie die Sonne leuchtete und seine Kleider weiß wie das Licht wurden. In Jesu Antlitz wird sein Wesen sichtbar, dass er ganz und gar Licht ist. Für uns heißt Verklärung auch, dass das ursprüngliche und unverfälschte Bild Gottes in uns sichtbar wird, dass wir ganz und gar wir selbst werden, dass alle Rollen, die wir sonst spielen, und alle Masken, hinter denen wir uns verstecken, von uns abfallen. Verklärung bedeutet für uns, dass wir eine hellere Ausstrahlung bekommen. Wir sagen manchmal zu einem Menschen: „Wenn du den Raum betrittst, wird er heller.“ Verklärung bedeutet, dass Trübes sich in uns klärt, dass klarer sichtbar wird, wer wir eigentlich sind und was wir den Menschen vermitteln möchten. Die Voraussetzung für die Verwandlung – so erzählt es uns Matthäus – ist, dass wir mit Jesus auf einen hohen Berg steigen, dass wir bewusst einmal den Trubel des Alltags hinter uns lassen. Auf dem Gipfel des Berges ist es still. Da sind wir allein. Das wäre eine gute Übung in der Fastenzeit, dass wir an einsame Orte gehen, entweder in der Natur oder auch in eine offene Kirche oder auch in ein Zimmer in unserer Wohnung, zu dem das Telefon nicht vordringen kann. Dann können wir uns vorstellen: Die Liebe und das Licht Gottes sind in mir. Es geht darum, dass ich alles, was in mir ist, von diesem Licht durchstrahlen und verwandeln lasse. Dann fühle ich mich auf einmal heller. Dann wird etwas klarer in mir. Ich spüre, dass mein wahres Wesen, das innere Selbst, unabhängig ist von den Menschen, frei von ihren Erwartungen. Und ich kann mir uns vorstellen, dass auf dem Grund meiner Seele ein Licht leuchtet. Evagrius Ponticus (345-399) spricht davon, dass in uns ein Saphir leuchtet. Wir können das nicht immer erfahren. Aber wenn wir versuchen, daran zu glauben, erfahren wir manchmal, dass unser Inneres nicht vom Chaos der Emotionen gefüllt ist, sondern dass das Licht auf dem Grund unserer Seele alles in uns durchdringt und verwandelt. Dann werden wir Licht. Dann erleben wir Verklärung, innere Klarheit und Reinheit, ein warmes und helles Licht, das vom Grund unserer Seele den ganzen Leib durchdringen möchte.
So wünsche ich Euch in dieser zweiten Fastenwoche, dass Ihr mit dem inneren Licht in Berührung kommt, dass für Euch etwas klarer wird und das Eigentliche durch alles Uneigentliche durchscheint. Dann werdet Ihr für andere eine angenehme, helle Ausstrahlung haben, die den Menschen gut tut. Und diese Fastenwoche wird Euch zu einer neuen Selbsterfahrung führen, zur Erfahrung, dass auch Ihr Licht ausstrahlen könnt.
Euer P. Anselm