14/06/2026
Du siehst mich
Asheville, North Carolina. Wir sind zu Fuß auf dem Weg in die Innenstadt und freuen uns auf die schöne City, auf Museen und Kultur. Vor uns geht ein Mann mit einem Rollator. Er ist abgerissen, riecht unangenehm und wir überholen ihn schnell. Nach einigen Metern ruft er uns, kaum hörbar, hinterher: »Do you have a Dollar? I need a bus ticket.« Wir laufen noch ein paar Meter weiter, schweigend. Und dann dreht sich meine Frau plötzlich um und geht direkt auf den Mann zu. Ich folge ihr und als wir vor ihm stehen, riechen wir seine Fahne. Während ich in meiner Hosentasche nach ein paar Dollar suche, sehe ich auf seiner Wollmütze »U.S Marine Corps.«
Ich frage ihn, wie er heißt, wo er herkommt und ob er bei den Marines gedient hat. Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf. Er zeigt seine schlechten Zähne und beginnt zu erzählen: dass er »Operation Desert Storm« mitgemacht hat und dass er viele Jahre bei den Marines diente – und stolz darauf sei. Jetzt muss er irgendwie schauen, wie er durchkommt – wie so viele Veteranen in den USA. Ich gebe ihm ein paar meiner Dollar und sage: »Thank you for your service – and God bless you.« Die Freude ist ihm ins Gesicht geschrieben.
Als wir unseren Weg fortsetzen sehe ich die glücklichen Augen des Mannes noch vor mir. Aber mir geht auch durch den Kopf, warum wir nicht sofort angehalten haben, warum es dem Mann offenbar an Fürsorge fehlt. Und ich denke, wie oft ich mich anders verhalte, mich nicht umdrehe und mir keine Zeit nehme? Nur für einen Moment.
MATTHIAS ROGG
📸: Walter Linkmann, Berlin