07/07/2025
Ein wunderbarer Text über queere Räume und Antisemitismus. Und am 25. Juli um 19 Uhr feiern wir Pride Schabbat zusammen mit Keshet Deutschland !
+++ CSDs sind keine Bühne für Antisemitismus +++
Warum wir aufpassen müssen, wer unsere Kämpfe vereinnahmt
Der CSD ist unser Tag.
Unsere Straße. Unser Raum.
Wir feiern, wir kämpfen, wir gedenken. Und wir machen sichtbar, was in dieser Gesellschaft oft unsichtbar bleibt: queeres Leben in all seinen Farben und Widersprüchen. Doch in den letzten Jahren beobachten viele von uns mit wachsender Irritation, wie CSDs in Deutschland von außenpolitischen Botschaften überlagert werden – vor allem von palästinensisch-solidarischen Gruppen mit teils offen anti-israelischen Inhalten. Und das wirft Fragen auf, die wir als Community nicht länger ignorieren sollten.
Was hat Palästina mit dem CSD zu tun?
Die queere Bewegung ist intersektional – das heißt, sie erkennt an, dass Diskriminierung viele Gesichter hat.
Rassismus, Homophobie, Transfeindlichkeit, Antisemitismus – das alles hängt zusammen. Deshalb ist es grundsätzlich richtig, auch auf andere Ungerechtigkeiten zu schauen.
Aber: Wenn queere Demos von außen als Bühne genutzt werden, um gegen Israel zu protestieren – teils mit radikalen Parolen wie „From the river to the sea“ –, dann geht es längst nicht mehr um queere Rechte.
Dann werden queere Räume zweckentfremdet – und im schlimmsten Fall gespalten.
Gegen Doppelmoral und Schweigen
Es ist kein Geheimnis: In Gaza und anderen Teilen der arabischen Welt leben queere Menschen in ständiger Angst. Homosexualität ist dort tabu, oft strafbar. Coming-out kann das Leben kosten. Gleichzeitig erleben wir hier, wie palästinensische Gruppen auf unseren Demos auftreten – ohne je anzuerkennen, wie queere Menschen in ihren eigenen Herkunftsgesellschaften unterdrückt werden.
Das ist nicht Solidarität – das ist Doppelmoral.
Und was ist mit uns?
Mit queeren Jüd:innen, mit queeren Israelis, mit queeren Menschen, die sich mit Israel verbunden fühlen? Viele von ihnen fühlen sich aus unseren eigenen Räumen ausgeschlossen. Weil sie nicht „die richtige“ politische Haltung haben. Weil sie Angst haben, offen zu sagen, dass sie für Israels Existenzrecht einstehen. Das kann nicht unser Verständnis von Community sein.
CSD ist kein Schlachtfeld
CSDs sind Orte der Sichtbarkeit. Wir zeigen uns, wir feiern uns, wir kämpfen für ein Leben ohne Angst. Sie sind nicht dafür da, außenpolitische Konflikte auszutragen. Vor allem nicht, wenn sie in anti-israelische oder antisemitische Narrative kippen.
Das bedeutet nicht, dass wir unkritisch sein müssen. Kritik an der israelischen Regierung ist legitim – wie an jeder anderen Regierung auch.
Aber wenn diese Kritik mit antisemitischen Slogans, Verschwörungserzählungen oder einseitigen Schuldzuweisungen vermischt wird, dann überschreiten wir eine rote Linie.
Solidarität braucht Ehrlichkeit
Wahre Solidarität heißt: Wir stehen füreinander ein – auch dann, wenn es unbequem wird. Wir hören queeren Palästinenser:innen zu, die unter Islamismus und Homophobie leiden. Wir hören jüdischen Qu**rs zu, die Angst haben, mit ihrer Kippa auf unseren Demos zu stehen. Und wir benennen klar, wenn queere Räume missbraucht werden, um andere auszuschließen.
Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Bewegung in politische Lager gespalten wird. Nicht entlang ethnischer, religiöser oder geopolitischer Linien. Unsere Stärke war immer, dass wir zusammengehalten haben – in all unserer Unterschiedlichkeit.
Ein Aufruf an uns selbst
Wir als queere Community müssen wachsam bleiben. Offen, aber nicht naiv. Inklusiv, aber nicht beliebig. Politisch, aber nicht vereinnahmbar.
Wenn du auf einem CSD Parolen hörst, die nichts mit queerer Befreiung zu tun haben – dann sag was. Wenn du merkst, dass Menschen ausgegrenzt werden, weil sie Jüd:innen sind oder sich nicht dem Mainstream anschließen – dann steh für sie ein. Wenn du merkst, dass Solidarität plötzlich nur noch in eine Richtung geht – dann frag nach, wem sie eigentlich nützt.
Denn am Ende geht es um unsere Räume. Unsere Kämpfe. Unsere Geschichten.
Lasst uns sie nicht aus der Hand geben.
Radio QueerLive
Die Redaktion