26/08/2026
Predigt in der 12. Woche nach Trinitatis über 1. Kor 3,9-17
Liebe Geschwister,
Anlass für den Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth sind Spaltungen. Es gibt in Korinth offenbar verschiedene christliche Gruppen, die sich jeweils auf bestimmte Prediger oder Täufer berufen. Und die verschiedenen Gruppen scheinen sich auch in besonderer Weise mit diesen Persönlichkeiten zu identifizieren. Ich gehöre zu Paulus, ich aber zu Apollos und ich zu Kephas.
Paulus reagiert mit seinem Brief auf Konflikte, die durch unterschiedliche Identifikationen entstanden sind. Seine erste Reaktion darauf ist sehr interessant. Er spricht nämlich zunächst einmal von der Kreuzigung und von der Taufe. Es geht gleich zu Beginn um die beiden zentralen theologischen Themen des Neuen Testaments: um das Kreuz und die Taufe, Tod und Auferstehung, irdisches Leben und ewiges Leben. Und Paulus trennt beides – Kreuz und Taufe – sehr deutlich von seiner Person. Er distanziert sich quasi. Zum Glück habe ich euch nicht getauft. Überhaupt bin ich gar nicht dazu berufen zu taufen. Bin etwa ich gekreuzigt für euch? Fragt er. Nein, Paulus will allein das Evangelium verkündigen, ohne sich selbst zum Gegenstand des Evangeliums zu machen. Alles sakramentale weist er von sich. Das ist sehr ungewöhnlich, weil Paulus auf der anderen Seite seine Berufung, seine ganz unmittelbare Erfahrung, die er mit Jesus Christus gemacht hat, sehr stark macht.
Er ist der Einzige der Urapostel, der direkt vom Auferstandenen berufen wurde. Bei Petrus und allen anderen Aposteln aus Jerusalem hat sich das Bewusstsein für ihre Berufung erst in einem längeren Prozess entwickelt. Und der begann schon vor dem Kreuz auf ihrem Weg mit dem irdischen Jesus. Die Evangelien und die Apostelgeschichte erzählen uns ihre Berufung und diesen Prozess bereits theologisch gedeutet. Petrus werden die Schlüssel des Himmels übergeben, um schon auf Erden lösen und binden zu können, was auch im Himmel gelöst und gebunden sein soll. Zu Pfingsten kommt die Kraft des Heiligen Geistes und befähigt Jesu Jünger zu echten Zeugen seines Lebens, Sterbens und seiner Auferstehung zu werden. In diesen Erzählungen stecken theologische Aussagen, die schon Glaubensbekenntnisse sind, die schon ein ganzes Leben hinter sich haben und schließlich in Spitzensätzen den ganzen christlichen Glauben auf den Punkt bringen wollen.
In dem Brief des Paulus begegnet uns aber etwas sehr spontanes, aus dem Moment und einer ganz bestimmten historischen Situation heraus geschriebenes, vielleicht auch etwas Unfertiges.
Wir die Apostel sind Gottes Arbeiter und ihr, die ihr unsere Predigt hört, ihr seid der Ackerboden, in den das Wort fällt - ihr seid der Bau, der entsteht. Das ist das erste Bild. Pastor und Gemeinde. Sie stehen sich gegenüber. Es gibt einen aktiven und den empfangenden passiven Part. Dieses Muster begegnet bei Paulus oft. Auch sein eigenes Leben deutet Paulus damit. Er selber sieht sich als durch und durch empfangenden. Jeder seiner Briefe beginnt mit dem Dank dafür, dass er empfangen hat.
Das paulinische Verständnis vom Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde in Korinth lebt von einer Dynamik – also von einer beweglichen Kraft. Und zwar von der Kraft, die Paulus im Kreuz erkannt hat. Das Kreuz relativiert. Es relativiert diese Welt, in der wir alle leben. Es relativiert alle Identitäten, die wir uns gegeben, die uns zugeschrieben werden. Es relativiert aber auch die Identitäten, die wir uns selber geben.
Die Christen in Korinth haben sich offenbar verschiedene Identitäten gegeben. Und die Intention dabei muss auch ein Verlangen nach Abgrenzung gewesen sein. Ich gehöre zu Paulus, du zu Petrus und die da zu Apollos.
Die wichtige Debatte um Identitäten kenne ich als Schwuler sehr gut. Ein positives Selbstbewusstsein, Schwuler oder Lesbe zu sein, erkämpfen wir uns. Und es war nicht immer so, dass eine homosexuelle Identität überhaupt denkbar war. Bei Fragen der geschlechtlichen Identität war das schon etwas anders. Die Geschlechtlichkeit von Menschen ist eigentlich schon immer Kernbestandteil menschlicher Identifikationen gewesen – ob also Menschen männlich oder weiblich sind – sowohl in leiblicher als auch in sozialer Hinsicht – hat schon immer entscheidend darauf gewirkt, wer wir sind. Dass Menschen einfach Menschen sind, ist ein moderner Gedanke, der aber seine Ursprünge in der Bibel hat.
Dass nun aber die S*xualität bestimmend sein soll für meine Identität, ist etwas sehr Neues – und gar nicht selbstverständlich. Und das hängt damit zusammen, dass S*xualität nichts Äußerlich-Materielles ist, man erkennt S*xualität nicht, man erlebt sie nur. Sie ist ein Gefühl, das sogar ohne die sexuelle Handlung selbst existieren kann. Und auch die sexuelle Handlung selbst ist flüchtig und schwer zu fassen. Und es war dann viele Jahrhunderte die homosexuelle Handlung, die tabuisiert, mit Angst verfolgt und bestraft wurde – und sie wurde allen Menschen zugetraut – die Vorstellung von homosexuellen und heterosexuellen Menschen gab es lange Zeit nicht.
Wie verhält sich nun aber das, was Paulus in seinem Brief meint zu dieser Frage homosexueller Identität? Gibt es da überhaupt zusammenhänge? – Ich denke, ja!
Zunächst einmal ganz grundsätzlich schon deshalb, weil der Glaube an Jesus Christus für Paulus den ganzen Menschen betrifft. Wenn ich also an Jesus Christus glaube, drücke ich dies durch ein Bekenntnis aus. Und dieses Bekenntnis gibt zu verstehen, dass ich ein Christ bin. Und diese meine neue Identität als Christ hängt ganz eng mit meinem Glauben zusammen. Und auch der Glaube ist etwas sehr schwierig zu Fassendes – ganz ähnlich wie das Gefühl, in welchem sich S*xualität zeigt. Beides sind Phänomene, die uns ergreifen und in denen wir schon Subjekte sind – aber doch auf sehr ungewöhnliche Art und Weise. Wir sind Subjekte, indem wir etwas erleben, das wir selbst nicht so einfach machen.
Wie lässt sich nun aber das, was Paulus in dem Predigttext mit dem Bild vom Hausbau schreibt, in einen Zusammenhang mit der Frag nach homosexueller Identität bringen. Am Anfang schreibt Paulus vom Fundament: 11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Da ist erstmal etwas Festes. Jesus Christus ist das Fundament egal, wie dann weiter darauf gebaut wird. Und natürlich gibt es viele Häuser – sprich es gibt ganz unterschiedliche christliche Traditionen oder Identitäten, die sich eben schon zu Zeiten des Paulus in nur einer einzigen Stadt, Korinth, abzeichnen. Und die scheinen sich ebenfalls schon durch irgendwelche Äußerlichkeiten abzubilden – vielleicht auch durch Bekenntnisse und eben durch Gruppenbildungen. Paulus beschreibt diese unterschiedlichen Gruppen mit verschiedenen Elementen: 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Ich glaube, das, was Paulus da als Werk bezeichnet – von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen – dieses Werk könnte man auch mit Identität übersetzen. Am Ende wird sich zeigen, wer ich eigentlich bin. Und Paulus will natürlich klar machen, dass das entscheidende der alle Christen verbindende Grund ist – nämlich Jesus Christus. Und er will die Christen in Korinth daran erinnern, dass es einen Unterschied gibt zwischen diesem Fundament und den je unterschiedlichen Häusern, Werken, Traditionen und Identitäten, die ja alle auf demselben Grund stehen. Was Paulus hier in unserem Predigttext macht, ist Relativierung. Er vergleicht ganz unterschiedliche christliche Identitäten – Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh – mit dem einen Fundament Jesus Christus. Auffällig ist ein deutliches Gefälle von Gold zu Stroh – insbesondere, weil das alles ja im Feuer brennen wird. Eine ganz typische Gerichtsmetapher. Es wird sich also zeigen, ob die zunächst so großen Unterschiede dieser Gruppen und Identitäten und vor allem auch der unterschiedliche Wert am Ende Bestand haben wird. Es gibt tatsächliche einige Theologen, die meinen Paulus würde mit den Elementen unterscheiden in das bleibende und in das vom Feuer vergehende. Ich denke aber, dass es vielmehr gerade darum geht anhand des einen Fundamentes zu relativieren. Paulus will ja gerade keine der Gruppe besonders hervorheben und einzelnen eine besondere Nähe zu Gott attestieren. Nein, ich denke Paulus will zeigen, dass alle diese Identitäten und Gruppenbildungen natürlich zutiefst vorläufig sind, dass ihr wahrer Wert in dem allen gemeinsamen Grund liegt, welcher ist Jesus Christus.
Wie kann ich das nun aber für meine homosexuelle Identität verstehen? Ich möchte diese Frage heute in dieser gegenwärtigen Zeit damit beantworten, dass die homosexuelle Identität ihren Wert aus eben dem Fundament gewinnt, von welchem Paulus spricht. Ich will das letzte Bild aus unserem Predigttext als Horizonterweiterung dazunehmen.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.
Es ist das Fundament, das alle Bauarten von kirchlichen Lebensformen und Identitäten ermöglicht. Und dieses Fundament und das darauf stehende Haus sind ein Ganzes. Fundament und Haus sind untrennbar miteinander verbunden. Der Gott der Bibel ist ohne seine Schöpfung, ohne Menschen, ohne sein Haus, in welchem er gemeinsam mit seiner Schöpfung leben will, undenkbar.
Die homosexuelle Identität – gerade auch als ein politisches Bekenntnis, als Widerstand, als Zeichen des freien, kritischen und allein dem Auferstandenen verpflichtetes Nachdenken über die Schöpfung Gottes – der Kampf um homosexuelle oder q***re Identitäten ist nach meiner Überzeugung auch ein Phänomen in unserer Geschichte, das auf die Wirkmacht des Evangeliums, auf die Kraft eben dieses Grundes von dem Paulus spricht, rückschließen lässt. Das soll keine neue natürliche Theologie sein – aber eine Theologie des menschlichen Zeugnisses, in welchem Gott sich der ganzen Welt und allen Menschen zu erkennen gibt.
Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
Ich verstehe den Predigttext so, dass die emanzipatorischen Bewegungen, die darum gekämpft haben, dass ich ohne Angst und selbstbewusst sagen kann, ich bin schwul, dass diese Bewegungen und kluge Identitätspolitiken sich heute nicht in Sackgassen verrennen und den Weg zurückfinden zum Fundament also zu dem Gedanken des einen ganzen Menschen, der Abbild des einen Gottes ist. Ich möchte die Ethik des Paulus und seine Idee der kirchlichen Lebensformen so verstehen, dass heute eine christliche Theologie die Gewalt gegen LGBT und die Angst und Scham, die bis heute mit Homosexualität und überhaupt mit S*xualität verbunden ist, als ein Phänomen wahrnimmt, das alle Menschen betrifft – eine bösartige Kraft, die letztlich auch allen Menschen den Weg in Gottes Haus verbaut. Homophobie und S*xualangst sind zentrale Antriebskräfte und Motive in allen Terrorbewegungen und Angriffskriegen dieser Welt.
Ich glaube, es ist die Aufgabe von Kirche, die unmenschlichen und tödlichen Verbrechen, die im Namen Gottes Millionen von Menschen angetan wurden, die homosexuell gefühlt haben - ich glaube es ist apostolische Aufgabe in der homosexuellen Liebe die Verheißung zu suchen, von der schon Jesaja und Micha gesagt haben, das der Tag kommt, da wir alle aufhören werden zu lernen, wie wir uns gegenseitig bekriegen, da unsere Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden.
Jesus Christus ist am Kreuz dafür gestorben, dass wir endlich alle so sein können, wie wir sind und die Angst vor uns selbst nicht mehr in dieser Welt herrscht. Amen.
KANZELSEGEN
L: Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
G: Amen
***rchurch ***rspirituality ***r