GayChurch Berlin

GayChurch Berlin Wir feiern Gottesdienste und wollen die Bibel dabei in ihrer befreienden Botschaft für alle Qu**rs in der Welt verstehen lernen. Berlin, 15. Xenia Brühl .

Es sind alle Menschen, die Sehnsucht nach Gemeinschaft haben, ganz herzlich eingeladen. Geschichte,
theologisches Selbstverständnis
und Ordnung
der GayChurch Berlin


Theologische Grundgedanken

Die GayChurch Berlin ist gegenwärtig eine kleine, wachsende Gottesdienstgemeinschaft von Lesben, Schwulen und Transidentischen Menschen. Gemeinsam feiern wir regelmäßig Gottesdienst und wollen die Bibel

dabei als befreiende Botschaft für alle LGBTIQ+ in der Welt entdecken: Jesus ist nicht gekommen um diejenigen zu berufen, die in der Gesellschaft bestätigt werden, sondern diejenigen, die in ihr ausgegrenzt werden. Wir glauben, dass das Evangelium in einzigartiger Weise homosexuellen, transidentischen, allen q***ren Menschen Verheißung sein will gerade wegen ihrer Verfolgungsgeschichte in 2000 Jahren Christentum. Gott hat sich in Jesus Christus als ein lebendiges Wesen zu erkennen gegeben, das sich selbst mit q***ren Menschen identifizieren will. Diese Botschaft spricht nicht gegen, sondern für die homosexuelle Lust und Liebe, für einen kritischen Umgang mit verabsolutierenden Geschlechterrollen. Die christliche Heilsgewissheit weiß uns alle schon hier und jetzt weder als Mann noch Frau, sondern als Gottes Kinder in Christus Jesus durch den Glauben. Das Evangelium selber ist die Kraft, die die gesellschaftlichen Wurzeln von Homophobie und Transphobie offenlegen wird, eine Kraft, homosexuelle und transidentische Menschen mit sich selbst und mit Gott zu versöhnen. Wurzeln homosexueller Emanzipation in der Evangelischen Kirche in der DDR

Die Arbeit der GayChurch Berlin steht in der Tradition der unabhängigen Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR, die dort in den 1980er Jahren in der Evangelischen Kirche entstanden war. 1982/83 sind Homosexuelle selber gegen eine antihomosexuelle Gesellschaftspolitik der kommunistischen Partei (SED) und der Regierung der DDR aufgestanden. Einzelne Gemeinden haben damals den Mut gehabt, daran zu glauben, dass Kirche ein Ort für Lesben und Schwule sein muss. In den dort entstandenen Homosexuellen-Arbeitskreisen wurden herrschende heteronormative Gesellschaftsstrukturen hinterfragt. So konnten Lesben und Schwule ihre S*xualität und ihr Anderssein nicht als „Mangel“, sondern als Gabe erleben und ihre Diskriminierung als ein zentrales Politikum verstehen. Es entstand eine DDR-weit vernetzte Widerstandsbewegung von homosexuellen Menschen gegen autoritär-heteronormative Strukturen in der DDR-Gesellschaft. Die unabhängige Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR hat durch ihre Verortung in der Evangelischen Kirche auch die Kirche selber bewegt und theologische „Wahrheiten“ hinterfragt. Diese Bewegung stand im engen Zusammenhang mit der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR. Die Kirche ist durch diese alternativen Bewegungen und Gruppen entgegen ihrer zahlenmäßig geringen Mitgliederstärke zu dem Raum geworden, in dem die zentralen gesellschaftspolitischen Fragen diskutiert und offen ausgesprochen werden konnten. Nicht die Parteien oder andere öffentliche Organisationen waren dieser Ort in der DDR, sondern die Kirche. Aus unserer Perspektive heute verstehen wir die Lesben- und Schwulenbewegung unter dem Dach der Kirche in der DDR immer deutlicher als eine evangelische Bewegung gegen Unfreiheit und Diskriminierung. In ihr wurden Fragen einer alternativen Lebensformenpolitik entwickelt und formuliert, die vorwegnahmen, was vielen erst heute relevant erscheint. Durch die Homosexuellen-Arbeitskreise innerhalb der Evangelischen Kirche entstand eine in der DDR nie zuvor dagewesene Perspektive auf Gesellschaft. 35 Jahre nach dem Ende der DDR ist diese Bewegung im Osten nahezu vollkommen vergessen worden. Mit ihr wurde auch ein wichtiger Teil evangelischen Glaubens und Wirkens auf die gesellschaftlichen Verhältnisse vergessen. Die Initiatoren der GayChurch Berlin kommen selber aus der DDR und sind in ihrer Sozialisation und in ihrem Coming out durch Aktivisten dieser Bewegung geprägt. Die GayChurch Berlin knüpft an diese Bewegung an. Die „Regenbogenmadonna“ und die Entstehung der GayChurch Berlin als Hausgottesdienstgemeinde

2019 ist die GayChurch Berlin erstmals öffentlich auf dem Berliner CSD aufgetreten. Die Aktion von LGBTIQ+ in Polen, die Schwarze Madonna von Tschenstochau neu zu interpretieren und mit einem Regenbogen-Heiligenschein darzustellen, hat uns beeindruckt. Die Reaktion des Krakauer Erzbischofs Jędraszewski, seine Aussagen über LGBTIQ+ als „Ideologie“ und „Regenbogenpest“, die brutale und offene Gewalt auf den Straßen gegen LGBTiQ+ und der von der Staatsanwaltschaft geführte Strafprozess gegen Elżbieta Podleśna und zwei andere Aktivistinnen waren für uns der Grund, die „Regenbogen-Madonna“ als Symbol der Solidarität der GayChurch Berlin öffentlich zu zeigen. Mit unserer Prozessionsfahne der Regenbogen-Madonna haben wir nun bereits auf diversen öffentlichen Veranstaltungen und Prides auf die Verfolgung, aber insbesondere auch auf den Mut unserer Geschwister in Polen und der ganzen Welt aufmerksam gemacht. Die Regenbogen-Madonna ist so zum Zeichen der GayChurch Berlin geworden. Ende 2018 hatte Wolfgang Beyer erstmals begonnen, wöchentlich zu Hausgottesdiensten einzuladen. Seit Oktober 2021 hat die GayChurch die Möglichkeit erhalten als Gast in der Auferstehungskirche in Berlin-Friedrichshain und in Berlin-Schöneberg in der Zwölf-Apostel-Kirchgemeinde öffentlich Gottesdienst zu feiern. Selbstbestimmung und Selbstorganisation der GayChurch Berlin

LGBTIQ+ erleben komplexe Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung. Antihomosexualität und Transfeindlichkeit sind tief verwurzelt in den gesellschaftlichen, kirchlichen und familiären Strukturen, aber auch in q***ren Menschen selbst. Sich aus Homophobie und Angst vor einer kritischen Reflexion der eigenen Geschlechtlichkeit zu befreien, ist ein lebenslanger Prozess. Die Folgen dieser strukturellen Gewalt wirken sich in mannigfaltiger Weise aus. Ganz wesentlich gehört zu ihnen, dass q***re Menschen auf dem Weg der Ausbildung und Qualifikation für ihre berufliche Zukunft ungleich schwerer mit den herrschenden gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnissen zu kämpfen haben und oftmals selbst aufgeben oder resignieren. Dies gilt in besonderer Weise für kirchliche Ausbildungen. Daher versteht sich die GayChurch Berlin als Schutzraum und als Ort q***rer Selbstbestimmung und Selbstorganisation. LGBTiQ+ sind berufen, ihre Situation theologisch zu reflektieren und selbstbestimmt Aussagen über sich und ihr Verhältnis zu Gott zu machen. Die kirchlichen Ordnungen sämtlicher christlicher Konfessionen haben seit Jahrhunderten die Verfolgung, Tötung und Ausgrenzung von LGBTIQ+ ganz wesentlich theologisch und kulturell bestimmt und zu verantworten. Insbesondere innere Abwendung von Kirche oder Scham für die eigenen Empfindungen und Gefühle sind bis heute wirksame Folgen bei nahezu allen LGBTIQ+ in christlichen Kulturen, darüber hinaus aber auch für die Gesamtgesellschaft als solche. Diese Folgen lassen sich nicht ohne weiteres durch Beschlüsse oder Schuldbekenntnis annullieren. Damit die Botschaft von der Auferweckung von den Toten glaubhaft wird für LGBTIQ+, für alle Menschen, die unter diesen Folgen kirchlicher Ordnungen zu leiden hatten und haben, braucht es nach unserem Erleben ganz dringend ein neues Bewusstsein dafür, dass kirchliche Ordnung in den Dienst eben dieser Glaubwürdigkeit, letztlich in den Dienst des Glaubens selbst gestellt sein muss – wenn sie denn in den Spuren der Reformation bleiben will. Die GayChurch Berlin ist eine kirchliche Lebensform, die ihre Ordnungen und Formen aus den gegebenen kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen heraus entwickelt hat. Anspruch der GayChurch Berlin ist es, gemäß dem Priestertum aller Gläubigen glaubwürdig Gottesdienst zu feiern. Wir sind eine eigenständige Gottesdienstgemeinschaft, in der sich in lebendiger Weise Dienste und Verantwortungen aus den Vollzügen unserer Gottesdienste und des darum gelagerten Gemeindelebens ergeben. Es sind verschiedene Verantwortungen entstanden etwa für gottesdienstlichen Gesang und Orgelspiel, Kommunikation über Rundbriefe mit Menschen, die unsere Gottesdienste besuchen und sich in unseren Verteiler eingetragen haben, Predigt und liturgische Abläufe im Gottesdienst und nicht zuletzt die jährliche Organisation der EAST PRIDE BERLIN Demo, die ebenfalls aus der Gemeinschaft der GayChurch Berlin heraus entstanden ist. Nach allen Gottesdiensten gibt es Gelegenheit zu Gespräch bei Speis und Trank. Auch dies ist Teil eines Spektrums verschiedener Dienste in unserer Gemeinschaft. Dies alles zeigt, wie aus kirchlichen Lebensformen lebendige Ordnungen wachsen, deren Zentrum der Gottesdienst ist. Impuls und Auslöser für das Entstehen und Leben der GayChurch ist ein christlicher Gottesdienst, in dem immer unsere Situation als LGBTIQ+ thematisiert wird. Dabei orientieren wir uns an verschiedenen christlichen Traditionen und eignen uns ihre liturgischen Formen an. Selbstbestimmt Gottesdienst zu feiern, uns kirchliche Formen selbst anzueignen, ohne Angst vor einer autoritären und unevangelischen Anwendung von Kirchenrecht, um so auch für andere LGBTIQ+ wieder Zugang zu unserer Geschichte im Christentum zu ermöglichen, ist Wunsch und Anspruch der GayChurch Berlin. Wir verstehen unseren Umgang mit biblischen und kirchlichen Texten und Formen als einen Rückbezug auf die Anfänge des frühen Christentums, auf das Entstehen von christlicher Kirche. Dabei ergibt sich für die GayChurch Berlin ganz natürlich ökumenische Offenheit für sämtliche christlichen Konfessionen, aber auch für Menschen ohne jegliche religiösen Beziehungen. Wir wünschen und hoffen, dass unsere Gemeinschaft als eine Bereicherung und auch als Impuls für Erneuerung der verfassten Kirchen in Deutschland wahrgenommen wird. November 2024

Wolfgang Beyer . Anette Detering . Andreas Gau . Julia Landau . Frank Nerlich . Cornelia Sossna
für die GayChurch Berlin

Kontakt
[email protected]

01/09/2026
Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, tra...
27/08/2026

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨

Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, trans, ... ganz selbstverständlich zusammengehören? Dann feiere mit uns den nächsten Gottesdienst der GayChurch Berlin!
Egal wer du bist, Du bist hier willkommen und richtig.

📅 jede Woche ein Mal am Dienstag oder Mittwoch um 20 Uhr
📍 Wo: Friedrichshain, Pankow oder Charlottenburg
☕ Danach: Bleib gerne noch auf einen Kaffee und gute Gespräche mit uns!

Komm vorbei, bring Freunde mit oder schau einfach mal rein.
Wir freuen uns auf dich! 🙌

Predigt in der 12. Woche nach Trinitatis über 1. Kor 3,9-17Liebe Geschwister, Anlass für den Brief des Paulus an die Gem...
26/08/2026

Predigt in der 12. Woche nach Trinitatis über 1. Kor 3,9-17

Liebe Geschwister,
Anlass für den Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth sind Spaltungen. Es gibt in Korinth offenbar verschiedene christliche Gruppen, die sich jeweils auf bestimmte Prediger oder Täufer berufen. Und die verschiedenen Gruppen scheinen sich auch in besonderer Weise mit diesen Persönlichkeiten zu identifizieren. Ich gehöre zu Paulus, ich aber zu Apollos und ich zu Kephas.
Paulus reagiert mit seinem Brief auf Konflikte, die durch unterschiedliche Identifikationen entstanden sind. Seine erste Reaktion darauf ist sehr interessant. Er spricht nämlich zunächst einmal von der Kreuzigung und von der Taufe. Es geht gleich zu Beginn um die beiden zentralen theologischen Themen des Neuen Testaments: um das Kreuz und die Taufe, Tod und Auferstehung, irdisches Leben und ewiges Leben. Und Paulus trennt beides – Kreuz und Taufe – sehr deutlich von seiner Person. Er distanziert sich quasi. Zum Glück habe ich euch nicht getauft. Überhaupt bin ich gar nicht dazu berufen zu taufen. Bin etwa ich gekreuzigt für euch? Fragt er. Nein, Paulus will allein das Evangelium verkündigen, ohne sich selbst zum Gegenstand des Evangeliums zu machen. Alles sakramentale weist er von sich. Das ist sehr ungewöhnlich, weil Paulus auf der anderen Seite seine Berufung, seine ganz unmittelbare Erfahrung, die er mit Jesus Christus gemacht hat, sehr stark macht.
Er ist der Einzige der Urapostel, der direkt vom Auferstandenen berufen wurde. Bei Petrus und allen anderen Aposteln aus Jerusalem hat sich das Bewusstsein für ihre Berufung erst in einem längeren Prozess entwickelt. Und der begann schon vor dem Kreuz auf ihrem Weg mit dem irdischen Jesus. Die Evangelien und die Apostelgeschichte erzählen uns ihre Berufung und diesen Prozess bereits theologisch gedeutet. Petrus werden die Schlüssel des Himmels übergeben, um schon auf Erden lösen und binden zu können, was auch im Himmel gelöst und gebunden sein soll. Zu Pfingsten kommt die Kraft des Heiligen Geistes und befähigt Jesu Jünger zu echten Zeugen seines Lebens, Sterbens und seiner Auferstehung zu werden. In diesen Erzählungen stecken theologische Aussagen, die schon Glaubensbekenntnisse sind, die schon ein ganzes Leben hinter sich haben und schließlich in Spitzensätzen den ganzen christlichen Glauben auf den Punkt bringen wollen.
In dem Brief des Paulus begegnet uns aber etwas sehr spontanes, aus dem Moment und einer ganz bestimmten historischen Situation heraus geschriebenes, vielleicht auch etwas Unfertiges.

Wir die Apostel sind Gottes Arbeiter und ihr, die ihr unsere Predigt hört, ihr seid der Ackerboden, in den das Wort fällt - ihr seid der Bau, der entsteht. Das ist das erste Bild. Pastor und Gemeinde. Sie stehen sich gegenüber. Es gibt einen aktiven und den empfangenden passiven Part. Dieses Muster begegnet bei Paulus oft. Auch sein eigenes Leben deutet Paulus damit. Er selber sieht sich als durch und durch empfangenden. Jeder seiner Briefe beginnt mit dem Dank dafür, dass er empfangen hat.
Das paulinische Verständnis vom Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde in Korinth lebt von einer Dynamik – also von einer beweglichen Kraft. Und zwar von der Kraft, die Paulus im Kreuz erkannt hat. Das Kreuz relativiert. Es relativiert diese Welt, in der wir alle leben. Es relativiert alle Identitäten, die wir uns gegeben, die uns zugeschrieben werden. Es relativiert aber auch die Identitäten, die wir uns selber geben.

Die Christen in Korinth haben sich offenbar verschiedene Identitäten gegeben. Und die Intention dabei muss auch ein Verlangen nach Abgrenzung gewesen sein. Ich gehöre zu Paulus, du zu Petrus und die da zu Apollos.

Die wichtige Debatte um Identitäten kenne ich als Schwuler sehr gut. Ein positives Selbstbewusstsein, Schwuler oder Lesbe zu sein, erkämpfen wir uns. Und es war nicht immer so, dass eine homosexuelle Identität überhaupt denkbar war. Bei Fragen der geschlechtlichen Identität war das schon etwas anders. Die Geschlechtlichkeit von Menschen ist eigentlich schon immer Kernbestandteil menschlicher Identifikationen gewesen – ob also Menschen männlich oder weiblich sind – sowohl in leiblicher als auch in sozialer Hinsicht – hat schon immer entscheidend darauf gewirkt, wer wir sind. Dass Menschen einfach Menschen sind, ist ein moderner Gedanke, der aber seine Ursprünge in der Bibel hat.
Dass nun aber die S*xualität bestimmend sein soll für meine Identität, ist etwas sehr Neues – und gar nicht selbstverständlich. Und das hängt damit zusammen, dass S*xualität nichts Äußerlich-Materielles ist, man erkennt S*xualität nicht, man erlebt sie nur. Sie ist ein Gefühl, das sogar ohne die sexuelle Handlung selbst existieren kann. Und auch die sexuelle Handlung selbst ist flüchtig und schwer zu fassen. Und es war dann viele Jahrhunderte die homosexuelle Handlung, die tabuisiert, mit Angst verfolgt und bestraft wurde – und sie wurde allen Menschen zugetraut – die Vorstellung von homosexuellen und heterosexuellen Menschen gab es lange Zeit nicht.

Wie verhält sich nun aber das, was Paulus in seinem Brief meint zu dieser Frage homosexueller Identität? Gibt es da überhaupt zusammenhänge? – Ich denke, ja!
Zunächst einmal ganz grundsätzlich schon deshalb, weil der Glaube an Jesus Christus für Paulus den ganzen Menschen betrifft. Wenn ich also an Jesus Christus glaube, drücke ich dies durch ein Bekenntnis aus. Und dieses Bekenntnis gibt zu verstehen, dass ich ein Christ bin. Und diese meine neue Identität als Christ hängt ganz eng mit meinem Glauben zusammen. Und auch der Glaube ist etwas sehr schwierig zu Fassendes – ganz ähnlich wie das Gefühl, in welchem sich S*xualität zeigt. Beides sind Phänomene, die uns ergreifen und in denen wir schon Subjekte sind – aber doch auf sehr ungewöhnliche Art und Weise. Wir sind Subjekte, indem wir etwas erleben, das wir selbst nicht so einfach machen.

Wie lässt sich nun aber das, was Paulus in dem Predigttext mit dem Bild vom Hausbau schreibt, in einen Zusammenhang mit der Frag nach homosexueller Identität bringen. Am Anfang schreibt Paulus vom Fundament: 11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Da ist erstmal etwas Festes. Jesus Christus ist das Fundament egal, wie dann weiter darauf gebaut wird. Und natürlich gibt es viele Häuser – sprich es gibt ganz unterschiedliche christliche Traditionen oder Identitäten, die sich eben schon zu Zeiten des Paulus in nur einer einzigen Stadt, Korinth, abzeichnen. Und die scheinen sich ebenfalls schon durch irgendwelche Äußerlichkeiten abzubilden – vielleicht auch durch Bekenntnisse und eben durch Gruppenbildungen. Paulus beschreibt diese unterschiedlichen Gruppen mit verschiedenen Elementen: 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.

Ich glaube, das, was Paulus da als Werk bezeichnet – von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen – dieses Werk könnte man auch mit Identität übersetzen. Am Ende wird sich zeigen, wer ich eigentlich bin. Und Paulus will natürlich klar machen, dass das entscheidende der alle Christen verbindende Grund ist – nämlich Jesus Christus. Und er will die Christen in Korinth daran erinnern, dass es einen Unterschied gibt zwischen diesem Fundament und den je unterschiedlichen Häusern, Werken, Traditionen und Identitäten, die ja alle auf demselben Grund stehen. Was Paulus hier in unserem Predigttext macht, ist Relativierung. Er vergleicht ganz unterschiedliche christliche Identitäten – Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh – mit dem einen Fundament Jesus Christus. Auffällig ist ein deutliches Gefälle von Gold zu Stroh – insbesondere, weil das alles ja im Feuer brennen wird. Eine ganz typische Gerichtsmetapher. Es wird sich also zeigen, ob die zunächst so großen Unterschiede dieser Gruppen und Identitäten und vor allem auch der unterschiedliche Wert am Ende Bestand haben wird. Es gibt tatsächliche einige Theologen, die meinen Paulus würde mit den Elementen unterscheiden in das bleibende und in das vom Feuer vergehende. Ich denke aber, dass es vielmehr gerade darum geht anhand des einen Fundamentes zu relativieren. Paulus will ja gerade keine der Gruppe besonders hervorheben und einzelnen eine besondere Nähe zu Gott attestieren. Nein, ich denke Paulus will zeigen, dass alle diese Identitäten und Gruppenbildungen natürlich zutiefst vorläufig sind, dass ihr wahrer Wert in dem allen gemeinsamen Grund liegt, welcher ist Jesus Christus.

Wie kann ich das nun aber für meine homosexuelle Identität verstehen? Ich möchte diese Frage heute in dieser gegenwärtigen Zeit damit beantworten, dass die homosexuelle Identität ihren Wert aus eben dem Fundament gewinnt, von welchem Paulus spricht. Ich will das letzte Bild aus unserem Predigttext als Horizonterweiterung dazunehmen.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.
Es ist das Fundament, das alle Bauarten von kirchlichen Lebensformen und Identitäten ermöglicht. Und dieses Fundament und das darauf stehende Haus sind ein Ganzes. Fundament und Haus sind untrennbar miteinander verbunden. Der Gott der Bibel ist ohne seine Schöpfung, ohne Menschen, ohne sein Haus, in welchem er gemeinsam mit seiner Schöpfung leben will, undenkbar.

Die homosexuelle Identität – gerade auch als ein politisches Bekenntnis, als Widerstand, als Zeichen des freien, kritischen und allein dem Auferstandenen verpflichtetes Nachdenken über die Schöpfung Gottes – der Kampf um homosexuelle oder q***re Identitäten ist nach meiner Überzeugung auch ein Phänomen in unserer Geschichte, das auf die Wirkmacht des Evangeliums, auf die Kraft eben dieses Grundes von dem Paulus spricht, rückschließen lässt. Das soll keine neue natürliche Theologie sein – aber eine Theologie des menschlichen Zeugnisses, in welchem Gott sich der ganzen Welt und allen Menschen zu erkennen gibt.
Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

Ich verstehe den Predigttext so, dass die emanzipatorischen Bewegungen, die darum gekämpft haben, dass ich ohne Angst und selbstbewusst sagen kann, ich bin schwul, dass diese Bewegungen und kluge Identitätspolitiken sich heute nicht in Sackgassen verrennen und den Weg zurückfinden zum Fundament also zu dem Gedanken des einen ganzen Menschen, der Abbild des einen Gottes ist. Ich möchte die Ethik des Paulus und seine Idee der kirchlichen Lebensformen so verstehen, dass heute eine christliche Theologie die Gewalt gegen LGBT und die Angst und Scham, die bis heute mit Homosexualität und überhaupt mit S*xualität verbunden ist, als ein Phänomen wahrnimmt, das alle Menschen betrifft – eine bösartige Kraft, die letztlich auch allen Menschen den Weg in Gottes Haus verbaut. Homophobie und S*xualangst sind zentrale Antriebskräfte und Motive in allen Terrorbewegungen und Angriffskriegen dieser Welt.

Ich glaube, es ist die Aufgabe von Kirche, die unmenschlichen und tödlichen Verbrechen, die im Namen Gottes Millionen von Menschen angetan wurden, die homosexuell gefühlt haben - ich glaube es ist apostolische Aufgabe in der homosexuellen Liebe die Verheißung zu suchen, von der schon Jesaja und Micha gesagt haben, das der Tag kommt, da wir alle aufhören werden zu lernen, wie wir uns gegenseitig bekriegen, da unsere Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden.
Jesus Christus ist am Kreuz dafür gestorben, dass wir endlich alle so sein können, wie wir sind und die Angst vor uns selbst nicht mehr in dieser Welt herrscht. Amen.

KANZELSEGEN
L: Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
G: Amen

***rchurch ***rspirituality ***r

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, tra...
24/08/2026

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨

Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, trans, ... ganz selbstverständlich zusammengehören? Dann feiere mit uns den nächsten Gottesdienst der GayChurch Berlin!
Egal wer du bist, Du bist hier willkommen und richtig.

📅 Wann: Mittwoch, 26. August um 20 Uhr
📍 Wo: Auferstehungskirche Berlin-Friedrichshain
☕ Danach: Bleib gerne noch auf einen Kaffee und gute Gespräche mit uns!

Komm vorbei, bring Freunde mit oder schau einfach mal rein.
Wir freuen uns auf dich! 🙌

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, tra...
17/08/2026

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨

Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, trans, ... ganz selbstverständlich zusammengehören? Dann feiere mit uns den nächsten Gottesdienst der GayChurch Berlin!
Egal wer du bist, Du bist hier willkommen und richtig.

📅 Wann: Dienstag, 18. August um 20 Uhr
📍 Wo: Hoffnungskirche Berlin-Pankow
☕ Danach: Bleib gerne noch auf einen Kaffee und gute Gespräche mit uns!

Komm vorbei, bring Freunde mit oder schau einfach mal rein.
Wir freuen uns auf dich! 🙌

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, tra...
10/08/2026

Gottesdienst für DICH – so wie du bist! 🏳️‍🌈✨

Suchst du einen Ort, an dem Glaube und dein Leben als lesbisch, schwul, trans, ... ganz selbstverständlich zusammengehören? Dann feiere mit uns den nächsten Gottesdienst der GayChurch Berlin!

Egal wer du bist, Du bist hier willkommen und richtig.

📅 Wann: Mittwoch, 12. August um 20 Uhr
📍 Wo: Auferstehungskirche
☕ Danach: Bleib gerne noch auf einen Kaffee und gute Gespräche mit uns!

Komm vorbei, bring Freunde mit oder schau einfach mal rein. Wir freuen uns auf dich! 🙌

Wir laden euch herzlich in unseren wöchentlichen Gottesdienst ein! ,  ,   ... selbstbestimmt & offen für alle: GayChurch...
02/08/2026

Wir laden euch herzlich in unseren wöchentlichen Gottesdienst ein!

, , ... selbstbestimmt & offen für alle: GayChurch Berlin

30/07/2026

+++ Ein Abend, der nachdenklich macht – und Hoffnung schenkt +++

Ein Abend bei der Gaychurch.

Nachdem wir am Nachmittag im Berliner Tiergarten waren und gemeinsam mit Ben aus Brandenburg sowie einer jungen Frau den geschändeten Gedenkort wieder würdevoll hergerichtet hatten, ging es für mich weiter zur GayChurch.

Kirche gehört eigentlich nicht zu den Themen, die mich in meinem Leben besonders begleiten. Es soll aber nicht auch bedeuten, dass ich dessen Existenz in Frage stelle.

Umso bewusster habe ich mich an diesem Abend entschieden, den Gottesdienst der GayChurch zu besuchen.
Nach den erschütternden Ereignissen rund um den Anschlag auf den Berliner CSD wollte ich einfach einmal andere Worte hören – Worte abseits der politischen Diskussionen, der Debatten und Schlagzeilen.

Was ich dort erlebt habe, hat mich beeindruckt.

Ich habe eine offene q***re Gemeinde kennengelernt, die Menschen herzlich empfängt, ohne Erwartungen an sie zu stellen. Niemand wird gedrängt, sich einzubringen oder etwas zu erzählen. Wer einfach nur da sein möchte, darf genau das sein. Allein dieses Gefühl kann für viele Menschen bereits sehr wertvoll sein.

Natürlich gibt es in einem Gottesdienst Abläufe und Traditionen, mit denen nicht jeder sofort vertraut ist.
Auch für mich war manches ungewohnt. Gleichzeitig wurde aber deutlich, dass es Themen gibt, die in einer GayChurch ihren ganz eigenen Raum finden. Über diese persönlichen Inhalte möchten wir bewusst nicht berichten, denn vieles gehörte in den geschützten Rahmen dieses Abends und sollte dort auch bleiben.

Was jedoch spürbar war: Hier wird zugehört. Nicht nur während des Gottesdienstes, sondern auch danach. Es gibt Menschen, die sich Zeit nehmen, die ein offenes Ohr haben und die anderen das Gefühl geben, nicht allein zu sein.

Vielleicht war gerade die Zeit nach dem Gottesdienst einer der wichtigsten Momente des gesamten Abends. Noch gut eine Stunde saßen wir gemeinsam vor der Kirche, unterhielten uns in lockerer Runde über den Berliner CSD, den Anschlag, über unsere Gedanken und über das, was uns im Moment bewegt.

Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen verunsichert, traurig oder auch ängstlich sind, können solche Begegnungen von unschätzbarem Wert sein. Es braucht nicht immer große Worte oder spektakuläre Gesten. Manchmal reicht es, gemeinsam zu sitzen, zuzuhören und füreinander da zu sein.

Dieser Abend hat mir gezeigt, dass Gemeinschaft viele Gesichter haben kann. Für manche ist die GayChurch ein Ort des Glaubens. Für andere ist sie vielleicht einfach ein Ort, an dem sie einmal in der Woche Menschen treffen, über Ängste reden, schweigen oder neue Kraft schöpfen können.

Und vielleicht ist genau das heute wichtiger denn je.

Radio QueerLive
News Redaktion

Gedenkgottesdienst nach dem Anschlag auf den CSD Berlin - Berlin Pride WOCHENSPRUCH 8.Sonntag nach Trinitatis (Eph 5,8b....
30/07/2026

Gedenkgottesdienst nach dem Anschlag auf den CSD Berlin - Berlin Pride

WOCHENSPRUCH 8.Sonntag nach Trinitatis (Eph 5,8b.9)
"Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit."

Ich grüße euch alle!
Der Wochenspruch aus dem Brief an die Epheser verwendet genau die entscheidenden Begriffe, die das beschreiben, worum es beim Christopher Street Day geht: Menschen wandeln als Kinder des Lichts. Menschen verlieren ihre Angst und das führt zu Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Diese eineinhalb biblischen Verse fassen den emanzipatorischen Grundimpuls dessen zusammen, was sich aus dem Aufstand in der New Yorker Christopher Street entwickelt hat.

Wir sind heute in diesem Gedenkgottesdienst zusammengekommen, um uns diesen göttlichen Impuls von Befreiung schenken zu lassen, uns von ihm bewegen zu lassen. Ich glaube: Nur dieser befreiende Impuls kann uns in einen Zustand versetzen, das zu begreifen, was dann in der Samstagnacht geschehen ist.

PREDIGT
Der Predigttext für diese Woche steht im Johannesevangelium im 9. Kapitel:
1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, sodass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

Liebe Geschwister,
wie kann es Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit – wie kann es Kinder des Lichts geben, wenn in dieser Welt zugleich immer wieder Gewalt ausgeübt wird von Menschen, die sich als gläubige Muslime verstehen, also als Menschen, die sich Gott unterwerfen, die ihrem Selbstverständnis nach zum weltweiten Islam gehören?
Der Anschlag eines Menschen, der meint sich Gott zu unterwerfen, ein Anschlag eines solchen Menschen auf die wandelnden Kinder des Lichts konfrontiert uns mit einer zentralen Frage der Bibel: Wie kann es einen liebenden, heilenden und erlösenden Gott geben, der jeden einzelnen Menschen in Liebe sieht, der nach christlichem Zeugnis sich sogar in dieser Welt offenbart, wenn zugleich ein Gottesbild in der Welt herrscht, welches konsequenterweise zu einer Tat wie dem Anschlag am Samstag führt.

Die Rede vom Zion in der jüdischen Bibel hat die Kraft, diesen krassen Gegensatz in der Welt wahrzunehmen und ihn als einen solchen zu begreifen, der am Ende überwunden wird – nicht durch das Schwert von Menschen - wir haben es gehört beim Propheten Jesaja: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.“ -, sondern durch das Richten des jüdischen Gottes JHWH – Adonai. Eine bemerkenswerte Stelle der biblischen Propheten, die uns zeigt, was mit dem Richten Gottes in der jüdischen Theologie vorgestellt wird: Nicht das Schwert, sondern Güte, Gerechtigkeit, Wahrheit.
Das Ziel der biblischen Rede vom Zion sind die Völker der ganzen Welt. Und unter diesen Völkern sind nicht wenige, die keine Verbündeten, sondern Feinde des jüdischen Volkes Israel sind. Wir alle kommen zusammen – im Licht!

Ich glaube der biblische Gedanke vom Richten und Gericht Gottes lässt sich gut beschreiben mit dem Phänomen der „Erleuchtung“, die Schwule und Lesben in ihrem lebenslang andauernden Coming-out gewinnen können. Da geschieht so etwas wie das, was die Bibel mit dem Gericht Gottes meint. Wir treten vor einen Spiegel und erkennen uns zunächst schmerzhaft selbst – ich wähle ja nicht, dass ich sexuell Lust habe auf andere Männer, ich erkenne und entdecke mich selbst Stück für Stück - wir erkennen dabei auch den Selbstbetrug, die Anpassung, die Entfremdung und Verzerrung der Stigmatisierung, unsere ganze eigene Verstrickung, die uns hässlich und verbittert machen will. Und dann passiert etwas ganz Unglaubliches. In diesem Spiegel, den die biblische Rede vom Gericht im Sinn hat, erblicken wir nicht unseren Eckel, sondern unsere Schönheit – aber doch ganz anders als in den Spiegeln wie wir sie kennen. Vielleicht habt ihr diesen Moment auch schon erlebt – wir brechen in Tränen aus im Angesicht unseres eigenen Unvermögens, unsere kleinkarierten Versuche Macht zu demonstrieren, stark zu sein, uns ständig selbst herzustellen - dabei erkennen wir uns genau darin als diejenigen, die wir doch eigentlich gar nicht sind, die so schwach und darin so häßlich sind – mühen wir uns auch noch sehr ab - aber es gibt Momente solcher Selbsterkenntnis, die machen frei, die erleuchten uns – wir werden hergestellt und neu geboren. Und die Frucht dieser Erleuchtung ist Güte - zunächst einmal Güte gegen uns selbst und dann gegen andere Menschen – Gerechtigkeit – wir werden hergestellt als die, die wir wirklich sind, ohne unser eigenes Zutun und Leisten. Und wir sind frei, dafür sehr beweglich Sprache zu finden und Auskunft zu geben über uns. Keine Sklavensprache der politisch korrekten Termini. Gerechtigkeit meint: wir sind nicht Sklaven der Sprache, sondern wir übertragen unser Leben in Sprache – und die Wahrheit, sie gehört eng zusammen mit der Gerechtigkeit - wir können ehrlich sein und wir können der Lüge und noch schlimmer den Halbwahrheiten und der unschöpferischen Machtsprache in dieser Welt etwas entgegensetzen.

Dies sind meine ganz grundsätzlichen Gedanken zum Kern der biblischen Botschaft. Nun zum Predigttext. Das Johannesevangelium spricht in einer dualistischen Sprache. Die Botschaft des Johannesevangeliums ist keine dualistische – ganz im Gegenteil – aber Johannes nutzt ganz frei trotzdem eine dualistische Sprache. Eine völlig andere Sprach- und Denkwelt als zum Beispiel im Matthäusevangelium. - Licht und Finsternis, ewiges Leben und Tod – das ist die Sprachwelt, mit der dieses Evangelium gleich am Anfang einsetzt.
Ich lese uns noch einmal den von mir ausgewählten Abschnitt aus der Perikope vor. Und ich habe das auf der reinen Erzählebene entscheidende Ereignis – nämlich das Heilungswunder, in welchem Jesus den Blinden sehend macht – einfach weggelassen. Es genügen die drei Verse: Einleitung der Szene, Frage der Jünger und die Antwort Jesu:

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, sodass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

Im Johannesevangelium wird in einer merkwürdig dualistischen Sprache gesprochen. Die Rede von der Blindheit hat hier überhaupt nichts zu tun mit einer körperlichen Behinderung, sondern sie ist Teil der dualistischen Sprache von Licht und Dunkel, ewiges Leben und Tod. Jesus und mit auch alle anderen Figuren reden in einer sehr kunstvollen dualistischen Sprache, weil es Jesus in diesem Evangelium darum geht, das dualistische Denken des Menschen zu überwinden.
„Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Die Blindheit des Menschen ist seine Art zu denken. Und das Denken soll an diesem Menschen geändert werden. Das ist es, worum es nach johanneischem Verständnis bei der Offenbarung geht. Unser Denken ändert sich und wir erkennen die Dinge und uns selbst sehr neu und befreiend.

Den islamistischen Attentäter vom Samstag und die rechtsradikalen Mörder des jungen schwulen Christopher W. in Aue im April 2018 ... (sie) verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie zu Mördern geworden sind. Es ist wahr, der nationalsozialistischen Ideologie der Rechtsradikalen und der Ideologie islamistischer Terroristen wie der Hamas, des IS oder anderer Gruppen – beiden - ist ein unmenschliches, tödliches und dem biblischen Zeugnis entgegengesetztes dualistisches Weltbild gemeinsam. Aber- diese Erkenntnis ist erstens nichts Neues und zweitens hätte sie doch längst schon zu einer viel stärkeren und umfassenden Auseinandersetzung mit eben dieser Ideologie des Islamismus führen müssen, in den Schulen, in den Moscheen und Gemeinden.
Wir stehen schon lange an dem Punkt, wo das christliche Zeugnis und der christliche Glaube an den Gott der Bibel, von welchem Christen glauben, dass er sich in dem gekreuzigten und auferweckten Juden Jesus zu erkennen gibt – wir stehen an dem Punkt, wo die christliche Theologie und die Kirchen endlich anfangen müssen, sich mit einer Rede von Gott und den Menschen auseinanderzusetzen und anzulegen, die weltweit predigt, dass Homosexualität Sünde ist oder dass es Gottes Wille sei, dass Frauen sich nicht frei und offen in der Öffentlichkeit zeigen dürfen.

Ich möchte uns direkt zum Ort des Anschlages führen, zum Tiergarten. Gestern Nacht bin ich dorthin gefahren. Der Attentäter konnte nur am südlichen Rand des großen Tiergartens seine Tat ausüben. Aber es fällt doch auf, dass er mit seinem Wagen weit in den Tiergarten eingedrungen ist. Der Tiergarten ist ein bekannter Treffort für Schwule. Es gibt weit ausschweifende Cruising-Areale. Dort treffen sich Männer – offen und nicht offen schwul -, um S*x zu haben. Und wer in die homosexuelle Welt des Tiergartens eintaucht, der erlebt eine völlig neue Perspektive. Gestern Nacht ist mir dies noch einmal ganz besonders deutlich geworden. Ich hatte mich gefragt, ob sich die Schwulen einschüchtern lassen, ob noch jemand da ist, ob die Angst größer als die Lust ist. Sie waren da – zahlreich. Und doch spürte ich Nervosität. Denkbar wären ja Nachahmer – plötzlich ein Messer oder ein Schlag von hinten. Das waren schon ein bisschen meine Gedanken. Und ich spürte, wie mein Blick viel schärfer als sonst durch das Halbdunkel schnitt, um die Figur und das Gesicht der anderen Männer zu identifizieren. Mir fiel auf, es gibt eine große Zahl von Männern, die dem Täter so ähnlich sehen – bärtige Gesichter, schwarze Haare – arabisches Aussehen – oder Männer mit Glatze und Springerstiefel. Die Welt des schwulen nächtlichen Tiergartens öffnet eine Perspektive jenseits des links/rechts Dualismus einer medialen Welt, in der nun zwei Lager streiten um die Deutung des Anschlages auf den CSD. Im Dunkel der Bäume und Sträucher des Tiergartens erkenne ich die Betroffenheit, die Lust, die zaghaft und bedroht ist, die aber da in diesem Dunkel blüht und immer wieder blüht – gleichzeitig die Scham, die Angst, den Selbsthass – ich habe das Gefühl, die Täter sind schon immer mitten unter uns.
Die homosexuelle Betroffenheit der Täter ist etwas, dass politisch so gut wie gar nicht zur Sprache gebracht werden kann. Es eignet sich tatsächlich für keine Seite, nicht für links und nicht für rechts, obwohl es doch so sehr der tatsächlichen Realität der unzähligen ermordeten Schwulen entspricht. Die Scham ist groß über diese Realität zu sprechen.

Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Ich stehe vor euch im Licht, auch wenn die Welt des dunklen nächtlichen Tiergartens ein wichtiger Teil meines lebenslang andauernden Coming-Outs ist. Diese Welt muss endlich ins Licht – ohne Scham und selbstbewusst! – nur so ist die Frucht Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. AMEN.


KANZELSEGEN
L: Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
G: Amen

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Berlin
10249

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19:45 - 22:00

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