12/04/2026
Netziw in Hemek Dowor (Waikra 11:47).
„Zu unterscheiden zwischen dem Unreinen und dem Reinen” (Wajikra 11,47). Es handelt sich um ein positives Gebot (Mitzwat Asse), bei allem, was zweifelhaft ist, ob es tamé (unrein) oder tahor (rein) ist, anhand der Erkennungszeichen (Simanim) nachzuforschen und zu prüfen – auch wenn uns die Sache nicht eindeutig erkennbar ist. So heißt es in Chullin 59b: „Ging jemand in der Wüste und fand ein Tier, dessen Hufe abgeschnitten waren, so prüft er [anhand der Simanim] usw.” Und selbst nach der Auffassung des Rambam, dass ein Zweifel bei einem Tora-Gesetz (Safek min ha-Tora) von der Tora her erlaubt ist – dennoch: überall dort, wo es möglich ist, die Sache zu klären, besteht ein positives Gebot der Tora, zu prüfen und Klarheit zu schaffen.
Es steht geschrieben: „bein ha-tamé u-wein ha-tahor” – und nicht einfach: „bein tamé la-tahor”. Wir haben bereits mehrfach erklärt, dass die doppelte Verwendung von „bein” (zwischen … und zwischen) uns lehrt, dass es Abstufungen zwischen den Extremen gibt – Fälle, die dem einen oder dem anderen nahe sind, wie wir in Sefer Bereschit 1 und an anderen Stellen dargelegt haben. Der Grund dafür ist, dass nicht alle Zweifelsfälle gleich sind:
Es gibt einen Zweifel, der nahe am Erlaubten (Kascher) liegt – dennoch muss man seine Zulässigkeit vollständig klären; hat man es allerdings unterlassen zu klären, so hat man kein so schwerwiegendes Verbot begangen. Auch was das Handeln le-Chatchila (von vornherein) betrifft, ist die Sache leichter zu handhaben – wie etwa in Chullin 64 im Zusammenhang mit Eiern: wenn das Eiweiß außen und das Eigelb innen ist, und ein Nichtjude dir sagt: „Es stammt von dem und dem Vogel, und er ist rein (tahor)” – so darfst du dich auf ihn stützen; ohne eine solche Aussage jedoch darfst du dich nicht auf ihn verlassen. Und ähnliche Fälle gibt es viele.
Und es gibt einen Zweifel, der nahe am Unreinen (Tamé) liegt – dessen Strafe durch den Himmel (Bidej Schamajim) beträchtlich ist; dennoch bleibt es ein Zweifel, und man erhält dafür keine Malkot (Peitschenhiebe).
All dies wird „Safek” (Zweifel) genannt. [So wie es heißt: „Safek Chaschecha, Safek ejnah Chaschecha – man verzehntet nicht usw.” Auf den ersten Blick hätte die Mischna formulieren sollen: „Safek Chaschecha o ejnah Chaschecha.” Zumindest hätte „Safek ejnah Chaschecha” zuerst stehen sollen, da dieser Zeitpunkt zeitlich vor der Dunkelheit liegt. Vielmehr ist die Bedeutung folgende: Sowohl zu einem Zeitpunkt, der noch nahe am Tag liegt – aber dennoch ein Safek Chaschecha darstellt – als auch zu einem Zeitpunkt, der nahe an der Nacht liegt, aber dennoch ein Safek ejnah Chaschecha ist – in beiden Fällen gilt dieselbe Regel.]
Und dennoch steht als positives Gebot geschrieben: „zu unterscheiden zwischen dem Unreinen und dem Reinen” – das bedeutet: bei allen Zweifelsfällen, die geklärt werden können – ob sie sich als erlaubt oder als verboten herausstellen –, besteht für das Bet Din ein positives Gebot, Klarheit zu schaffen. Und so wie es verboten ist, bei einem Zweifel, der zur Strenge neigt, leichtfertig zu entscheiden – oder einen Zweifelsfall nicht zu klären und einfach als erlaubt zu behandeln –, so ist es ebenso verboten, dort streng zu entscheiden, wo es möglich wäre, die Erlaubtheit der Sache zu klären.