01/09/2026
BETRACHTUNG ZU PARSCHAS NIZAWIM-WAJELECH · NACH DEM NETZIW
Nah ist nicht dasselbe wie leicht
Der Netziw über »lo baschamajim hi«, über den Irrtum, den der Vers absichtlich zuerst erklärt, und über eine Liebe, die über die menschliche Natur hinausgeht
von Rabbiner Shlomo Afanasev
Es ist der meistzitierte Satz dieser Parascha, und er wird fast immer als Beruhigung gelesen: »Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und nicht fern. Es ist nicht im Himmel ... und nicht jenseits des Meeres ... sondern sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun« (Devarim 30,11-14). Nah. Machbar. Kein Grund zur Verzweiflung.
Der Netziw liest den Abschnitt anders, und er beginnt mit einer Beobachtung, die alles verschiebt. Bevor der Vers sagt, dass die Sache nah ist, nimmt er sich Zeit, genau zu beschreiben, wie fern sie wäre. Warum? »Zuerst hat der Vers den Ort des Irrtums gut erklärt«, schreibt der Netziw — »denn auch der Irrtum ist ein großes Prinzip: dass der Mensch nicht in die entgegengesetzte Richtung irre und meine, in den Feinheiten der Tora gebe es keinerlei Tiefe und keine verborgenen Dinge. Und dieser Irrtum ist schlimmer als der erste.«
Der Vers baut also absichtlich die Schwierigkeit auf, bevor er sie bestreitet — weil ein Mensch, der aus »es ist nah« schließt, es sei auch flach, einen größeren Schaden anrichtet als einer, der es für unerreichbar hält.
Doch wovon ist überhaupt die Rede? »Dieses Gebot« — welches? Der Netziw hält die geläufige Antwort, es gehe um die Gebote insgesamt, für unhaltbar, und er führt drei Gründe an. Erstens meint »dieses Gebot« dem Wortlaut nach etwas, wovon gerade jetzt gesprochen wird. Zweitens ergäbe der Abschnitt keinen Sinn: Man sagt einem anderen nicht »denk nicht dies, sondern das«, außer bei einer Sache, in der der Verstand wirklich irrt und in der es naheliegt, so zu denken — »um wieviel mehr gilt das für einen Vers«. Und drittens: Was hieße dann »in deinem Munde«?
Sein Ergebnis: Der Abschnitt greift zurück auf das, was unmittelbar vorangeht, und dort stehen zwei Gebote — das genaue Studium der Tora und die Umkehr aus Liebe zu Gott. Beide werden hier für nah erklärt. Und beide sind, wie sich zeigen wird, alles andere als leicht.
Zuerst das Studium. Der Netziw unterscheidet die beiden Bilder des Verses mit großer Schärfe, denn sie beschreiben zwei ganz verschiedene Hindernisse.
»Nicht im Himmel« meint: höher als die Natur des menschlichen Verstandes. Wie etwas, das im Himmel ist und für das man Leitern bauen müsste — und das geht nicht. So kann man auch mit Kunstgriffen nicht bis auf den Grund ihrer Erkenntnis gelangen. In Eruwin sagen Chazal dazu: Wäre sie wie die Sonne, müsstest du ihr nachsteigen. Das ist Gleichnis und Bild, erklärt der Netziw: Wenn die Sache über deinem Verstand liegt, ist die Pflicht, dich sehr zu mühen — und dann gilt die Regel »du hast dich gemüht und nicht gefunden: glaube es nicht«.
»Und nicht jenseits des Meeres« meint etwas völlig anderes. Nicht Tiefe, sondern fehlende Überlieferung: Es gibt Dinge, die man aus Mangel an Wissen nicht erfassen kann, ohne sie von einem Lehrer zu empfangen — und der Lehrer sitzt womöglich jenseits des Meeres. Dann, sagen Chazal, musst du übersetzen. Und der Netziw fügt den Satz hinzu, an dem man hängenbleibt: Wenn es aber wirklich unmöglich ist — »auch dann müht sich die Tora für ihn von einem anderen Ort her, ihm dieses Wissen auf irgendeine Weise vor Augen zu bringen, bis er zu dieser Kenntnis gelangt.«
Warum aber ist all das ausgerechnet dir nah? Hier bringt der Netziw eine Stelle aus Massechet Bechoros, die man leicht als Anekdote überliest. Die Weisen von Athen fragten Rabbi Jehoschua ben Chananja: Ein Mann geht und begehrt eine Frau, und man gibt sie ihm nicht — was sieht er, dass er weitergeht? Rabbi Jehoschua nahm einen Pflock und versuchte ihn im unteren Loch; er ging nicht hinein. Im oberen ging er hinein. Er sagte: Auch dies ist seine Bestimmung.
Ohne Zweifel, schreibt der Netziw, fragten die Weisen von Athen keine Nichtigkeiten, sondern Dinge, die an der Höhe der Welt stehen. Ihre eigentliche Frage war: Als der Heilige die Tora gab, ging Er zu Paran und zu Edom, und sie nahmen sie nicht an; Er kam zu Israel, und sie nahmen sie an. Wie kann Israel an Weisheit und Wert über den Völkern stehen? Und Rabbi Jehoschua antwortete: Gewiss sind jene weise und ihr Wert groß — aber sie sind nicht die Bestimmten der Tora, und Israel sind es. Wie es im Sohar heißt: Israel und die Tora sind eines — die Wurzel der Seele Israels ist an der Wurzel der Seele der Tora gefasst.
Das ist keine Behauptung über Begabung. Es ist eine Behauptung über Verwandtschaft. Und daraus folgt, was in Sanhedrin steht: »Die Seele des Mühenden müht sich für ihn« — er müht sich an einem Ort, und seine Tora müht sich für ihn an einem anderen.
Und dann wird der Netziw praktisch. »In deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun« ist für ihn kein Trost, sondern eine Anweisung. Schemos Rabba liest »in deinem Munde« als: dass du dich in ihnen mit deinem Munde mühst — und das heißt, erklärt der Netziw, laut, bis es das Herz erreicht, und das heißt: mit Schülern. Er liest sogar den Schluss von Koheles als Handwerkslehre für den, der Tora vermehren will: »viele Bücher zu machen ist ohne Ende« — das bedeutet, schreib dir jeden Gedanken und jeden Chidusch auf; das Verbot, mündliche Tora niederzuschreiben, betreffe nur, sie aus der Schrift vorzutragen, für sich selbst aber sei es erlaubt und sogar Gebot, wie der Rambam in der Einleitung zum Jad festhält, dass schon die früheren Propheten so verfuhren. Und »viel Reden ist Ermüdung des Fleisches« — das bedeutet, viel zu sprechen unter Anstrengung: mit Schülern.
Wie diese Struktur aussieht, wenn beide Hindernisse zugleich vorliegen, lässt sich an einem Fall zeigen, der mit Tora nichts zu tun hat — und die Behauptung des Netziw über die Verwandtschaft zwischen Israel und der Tora hat hier ohnehin keine Entsprechung. Was sich zeigen lässt, ist allein die Gestalt der beiden Hindernisse.
Am 16. Januar 1913 schrieb ein Buchhalter der Hafenbehörde von Madras einen Brief nach Cambridge. »Ich erlaube mir, mich Ihnen vorzustellen als Angestellter der Buchhaltung des Port Trust Office in Madras, mit einem Gehalt von nur zwanzig Pfund im Jahr. Ich bin jetzt etwa dreiundzwanzig Jahre alt. Ich habe keine Universitätsausbildung, aber ich habe den gewöhnlichen Schulkurs durchlaufen.« Beigelegt waren über hundert mathematische Sätze, fast alle ohne Beweis. Srinivasa Ramanujan hatte als Sechzehnjähriger ein Nachschlagewerk in die Hände bekommen, in dem Tausende von Ergebnissen ohne Erklärung aufgelistet waren, und hatte sich daran selbst beigebracht, sie neu herzuleiten und weiterzutreiben. Das erste Hindernis — Tiefe ohne Leiter — überwand er durch nichts als Mühe.
Das zweite konnte er nicht überwinden. Es gab in Madras niemanden, der beurteilen konnte, was er da tat; die Lehrer saßen jenseits des Meeres, und er konnte nicht hinüber. Er schrieb an mehrere englische Mathematiker; nichts geschah. Dann landete der Brief bei G. H. Hardy in Trinity College. Hardy hielt ihn zunächst für Unsinn, las weiter und sagte später über die Formeln, sie hätten ihn vollständig besiegt; er habe nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen. Manches darin war schlicht falsch, anderes war längst Bekanntes, das Ramanujan selbständig wiedergefunden hatte. Aber vieles war neu. Hardy sorgte dafür, dass ein Stipendium eingerichtet und die Überfahrt organisiert wurde; 1914 kam Ramanujan nach England. Er hatte das Meer nicht überqueren können — also wurde die Überquerung für ihn eingerichtet.
Und nun die zweite Hälfte, die in diesen Tagen die eigentliche ist: die Umkehr aus Liebe. Auch hier weigert sich der Netziw zu verharmlosen. Sie sei »in Wahrheit oberhalb der menschlichen Natur«. Er verweist auf den Sifri, der fragt: Wie sollte ein Mensch den Heiligen lieben? Denn die Natur der Liebe verlangt Ähnlichkeit zwischen dem Liebenden und dem Geliebten, und dass man die Vorzüge des Geliebten mit dem Verstand erfasse — und beides steht über dem Vermögen des Menschen.
Auch hier baut der Vers zuerst die Ferne auf. »Im Himmel« hieße: durch Forschung in der Höhe der Himmel und der Sphären — und dieser Weg, hält der Netziw ausdrücklich fest, führt tatsächlich zur Liebe, wie der Rambam in den Hilchos Jesodei haTora und am Ende der Hilchos Teschuwa schreibt. »Jenseits des Meeres« hieße: an einen Ort zu reisen, der Liebe und Anhaftung erzeugt, wie das Heiligtum. Beides ist schwer.
Aber: »dir« ist es nah. Und wieder nennt er die Mittel, und sie sind unspektakulär. »In deinem Munde« — durch Gesang, worin Loblieder ebenso enthalten sind wie der Gesang der Tora; denn es ist die Natur der Tora, die Liebe Gottes in das Herz dessen zu legen, der sich in ihr müht, auch ganz ohne dass ein Grund dafür dem menschlichen Verstand zugänglich wäre. Darum, sagt der Netziw, schließt Schlomo im Hohelied: »darum lieben dich die Mädchen« — weil verborgen bleibt, wie diese Worte zur Liebe führen.
»Und in deinem Herzen, es zu tun« — das heißt: dass Wille und Verlangen da sein müssen, dorthin zu gelangen. Denn ohne Verlangen des Herzens singt einer den ganzen Tag Lieder oder sitzt über der Tora und schmeckt den Geschmack der Liebe Gottes nie, weil er nicht darauf achtet. Achtet er aber darauf, so wird dadurch eine starke Liebe geweckt — »wie der Sohn, der seines Vaters mit einem Gedanken der Liebe gedenkt, so ist die Seele des Israeliten zum Heiligen.«
Das ist der letzte Schabbos des Jahres. In wenigen Tagen stehen wir im Gericht, und die Rede von der Umkehr wird überall zu hören sein, meistens in der tröstlichen Fassung: Es ist nah, es ist machbar, hab keine Angst. Der Netziw bestreitet das nicht. Er bestreitet nur die Reihenfolge. Erst die ehrliche Feststellung, wie weit es ist — und wer diesen Schritt überspringt, bekommt eine billige Version des zweiten.
Denn nah bedeutet in diesem Abschnitt nicht: leicht. Es bedeutet: es ist von deiner Art, es gehört zu dir, du bist dafür gemacht. Und die Mittel, die der Vers nennt, sind keine großen Augenblicke, sondern zwei sehr gewöhnliche Dinge — dein Mund und deine Aufmerksamkeit. Etwas laut sagen, bis es das Herz erreicht. Und darauf achten, was man dabei tut.
Quellen: Devarim 30,11-14 · Netziw, Haamek Davar z. St. · Massechet Eruwin (»wäre sie im Himmel, müsste man Leitern bringen«) · Massechet Bechoros (die Weisen von Athen und Rabbi Jehoschua ben Chananja) · Massechet Sanhedrin (»die Seele des Mühenden müht sich für ihn«) · Sohar (Israel und die Tora sind eines) · Schemos Rabba (»dass du dich in ihnen mit deinem Munde mühst«) · Sifri zu Devarim, Parschas Eikev (wie kann ein Mensch Gott lieben) · Rambam, Einleitung zum Mischne Tora; Hilchos Jesodei haTora; Ende der Hilchos Teschuwa · Ramban und Sforno z. St. (die den Abschnitt auf die Umkehr beziehen) · Koheles 12,12 · Schir haSchirim 1,3 · Zu Ramanujan: Brief an G. H. Hardy vom 16. Januar 1913, in Cambridge eingegangen Ende Januar 1913; Angestellter des Port Trust Office in Madras; Überfahrt nach England 1914; Srinivasa Ramanujan 1887-1920