26/12/2024
Josef
Weihnachten & Männer
Weihnachten ist ein Herrenfest. Genauso wie Ostern und wie Pfingsten. Nicht weil es in diesen Kirchen-Festen um Männer geht. Eher im Gegenteil. Um die geht es fast gar nicht. Sondern weil es um den Herrn geht, den Herrn der Kirche, Jesus Christus. Weihnachten ist ein Herrenfest.
Um Männer geht es eher am Rande.
Heute geht es einmal um Josef.
RF: Guten Morgen, Herr Josef. Sie haben ja viel um die Ohren in diesen Tagen.
Josef: Vor allem habe ich viel zu tun.
RF: Was tun Sie denn so? Eigentlich stehen Sie doch eher immer rum, an der Krippe.
Josef: Tja. Da haben die Schnitzer immer diese paar Minuten eingefangen, wo wir auf unser Kind schauen konnten. Da war mal Ruhe.
RF: Was haben Sie mit der Ruhe anfangen?
Josef: Zuerst war da nur das Gesicht und das Atmen des kleinen Babys. Ich hab nur geguckt. Da waren ganz kleine weiße Punkte auf der Nase. Das war schon besonders.
RF: Und dann?
Josef: Dann hab ich mir gedacht: Meins ist es nicht wirklich. Aber es soll mein Kind werden und sein.
RF: Sie waren nicht der leibliche Vater.
Josef: Sie kennen doch die Geschichte. Maria sagte mir, dass da ein Engel war und dass sie schwanger wär.
RF: Klingt unglaubwürdig.
Josef: Natürlich. Ich war am Boden zerstört. Wir waren verlobt, so zu sagen. Ich baute schon die Möbel für unser zu Hause.
RF: Sie sind ja vom Fach als Zimmermann.
Josef: So mal eben eine Beziehung abbrechen, wenn man den Menschen gefunden hat, den man liebt, und wenn man soviel zusammen aufgebaut hat, das ist nicht ohne! Maria flehte mich an, ihr zu glauben. Na ja. Ich wollte weg ziehen. Ein Schreiner findet überall was. Was ich nicht wollte, war, Maria bloß zu stellen. Da drohten harte Strafen auf S*x vor der Ehe und uneheliche Kinder, wissen Sie. Es war eine andere Zeit. Ich liebte Maria, und ja, ich war wütend, aber eigentlich wollte ich nur weg.
RF: Später erzählten Sie, ihnen sei selbst der Engel erschienen.
Josef: Keine Ahnung, wie der Engel aus sah. Ich lag wach in der Nacht, ich heulte, ich war unfassbar aggressiv. Ich betete auch. Irgendwann dämmerte ich weg.
RF: Sie beteten?
Josef: Wieso nicht? Das schien mir plausibel. O Gott, sagte ich. Mann, Mann, Mann, mach was.
RF: Und? Machte Gott was?
Josef: Ich schlief ein. Als ich aufwachte, erinnerte ich mich an den Traum. Das passiert nicht so oft, ich meine, dass ich mich an Träume erinnere. Aber der Traum fühlte sich gut an.
RF: Sie sagten später mal, ein Engel hätte ihnen Mut gemacht.
Josef: Ja, da war so ein Engel. Wie er aussah, weiß ich nicht. Aber ich erinnerte mich an seine Stimme: Fürchte dich nicht, Maria zu dir zu nehmen. Gott ist mit dir und mit dem Kind und mit Maria.
RF: Und hatten Sie Furcht?
Josef: Natürlich war ich immer noch beunruhigt. Ob ich das richtige tue.
RF: Was taten Sie?
Josef: Ich ging zu Maria und hörte mir ihre Geschichte noch einmal an. Ich glaubte ihr.
RF: Wie das?
Josef: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mich betrügt. Dass sie das je gewollt hätte. Und ich liebte sie.
RF: Und sie heirateten.
Josef: Ja, das ging dann schnell. Ihre Eltern planten alles mit. Und ich hatte viel zu tun.
RF: Mit den Vorbereitungen.
Josef: Ja, klar, ich arbeitete so viele Aufträge ab wie möglich. Wir würden das Geld brauchen. Und ich baute zwischendurch eine Babywiege.
RF: Sie sagten anfangs, Sie hätten viel zu tun in diesen Tagen.
Josef: Na ja, wie immer zu Weihnachten. Tannenbaum aufstellen und so. Wobei das heute ja kein Ding mehr ist mit den modernen Seilzugbaumständern, einfach rein, etwas zurecht ruckeln, fest zurren, und er steht. Keine Herausforderung mehr wie früher.
Jedenfalls, früher hatte ich noch mehr zu tun. Das kann man sich ja vorstellen.
RF: Vor welche Herausforderungen wurden Sie gestellt?
Josef: Der Bescheid mit der Volkszählung war ins Haus geflattert. Wir mussten unsere Sachen packen und nach Bethlehem. Ich musste den Esel besorgen für Maria, die Route planen.
RF: Sie gingen zu Fuß.
Josef: Wie sonst. 8 volle Tage. 200 Kilometer weit. Nur weil ich da geboren war. Diese verdammten Römer! Dieser ganze Aufwand. Und der Geburtstermin rückte näher! Irgendwann kamen wir endlich an. Die Stadt war rappelvoll.
RF: Sie mussten sich im Rathaus registrieren lassen.
Josef: Und den Rest kennen Sie.
RF: Sie meinen die Herbergssuche und den Stall.
Josef: Und dann stehe ich da immer in jeder Krippe, als wäre ich zu Besuch. Wie so ein Statist im Theater, der einen Schekel kriegt und dann nach Hause geschickt wird.
RF: Immerhin bekamen Sie einen Sack Gold von den Weisen.
Josef: Das war ordentlich, ja. Großzügig. Menschlich. Hätte ich nicht erwartet.
RF: Und das Kind …
Josef: Das war die Hauptsache. Du versuchst alle Fäden in der Hand zu halten und alles zu machen und zu tun. Aber so ein Baby haut dich um. Das war … das war schön.
RF: Mit der Geburt in der Nacht war ja nicht alles vorbei.
Josef: Was denken Sie denn? Da ging`s erst los mit den Problemen. Wir konnten nicht zurück nach Nazareth. Wir mussten nach Süden fliehen.
RF: Nach Ägypten. König Herodes stellte Ihnen nach und schickte Soldaten.
Josef: Wir konnten erst Jahre später, als er tot war, zurück. Das war hart, so die Kontrolle zu verlieren. Angewiesen sein auf das Wohlwollen von Grenzern und Behörden und ägyptischen Einheimischen. Und alles für`s Überleben zu tun.
RF: Eine ernste Geschichte! Immerhin erzählen wir die Geschichte heute noch.
Josef: Heute bin ich ein bisschen gespalten. Zum einen finde ich das freundlich, dass alle noch an uns denken. Und an unser Kind.
RF: Aber?
Josef: Zum andern ist mir Weihnachten ein bisschen zu possierlich. All dieses Plätzchenbacken und die dicken roten Kerzen und das Aufräumen, und die gute Stube.
RF: Na ja, man soll die Feste halt feiern wie sie fallen.
Josef: Ist mir manchmal etwas zu warm, das alles.
RF: Sie hätten es gern etwas kühler.
Josef: Ja, realistischer. Gott war auch realistisch.
RF: Gott und realistisch?
Josef: Gott hat mir geholfen. Im Zweifel. Da half mir Gott zu einer klaren Entscheidung. Ich musste nur Maria ins Gesicht schauen. Und in der Angst. Da in der Nacht im Stall, dass alles gut wird. Und auf der Flucht, diese Panik. Wir haben überlebt. Und im Kontrollverlust hat Gott die Kontrolle übernommen und uns geführt. Im Nachhinein sehe ich das so.
RF: Und das Kind?
Josef: Ich bin ein alter Mann und entdecke den Jungen wieder. Heute ein Mann. Ein Herr sogar.
RF: Danke für das Gespräch!