19/06/2022
Von Birgit Gleis:
Erst geht er. Und dann diesesErst geht er. Und dann dieses Buch.
Das mögen manche Weggefährten denken,
die enttäuscht sind von den stockenden Reformprozessen in der katholischen Kirche, diesen Weggang als Ende einer Freundschaft empfinden und jetzt tief enttäuscht zurückbleiben.
Hier geht aber einer als Freund,
der Freund bleiben will.
Wie aber gute Freunde den Finger in die Wunde legen dürfen,
dies natürlich nicht als angenehm empfunden wird,
aber eben nur sie dürfen das,
so steckt Andreas Sturm mit diesem Buch,
seine Finger schonungslos in die Wunde seiner geliebten Kirche.
Es sind auch seine eigenen Wunden,
man spürt beim Lesen,
dass manche Erfahrungen ihm selbst sehr weh getan haben
und dass er nun keine Kraft mehr hat,
an das Wunder der Weiterentwicklung der Kirche zu glauben.
Er hat keine Hoffnung mehr,
sein Herz fühle sich leer an, beinahe: tot.
Sturm legt dar,
dass er seinen Glauben an Gott retten will,
und stellt seinen Ausführungen
seinen wunderbaren Primizspruch voran:
„Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“
Und legt die manchmal lieblosen Strukturen der Kirche offen.
Da sind nicht nur der unselige Missbrauch,
der unbarmherzige Umgang mit Homosexuellen,
Geschiedenen, Wiederverheirateten, die Ordination von Frauen –
Themen, die wir alle schon kennen,
und die längst keine „heißen Eisen“ mehr sind.
Sturm zeigt auf, was Klerikalismus fördert
und nennt Beispiele aus seinem eigenen Leben,
sagt, wann ihm Mut gefehlt,
wann er sich gebauchpinselt gefühlt habe,
wann er eitel war, wann verstockt.
Er beschreibt, wie Einsamkeit und das Fehlen körperlicher Nähe
manchmal zu unnatürlicher Unbeholfenheit und Distanz führe,
einer Art deformation professionelle,
vor allem auch aus blanker Angst und Unsicherheit,
falsch verstanden zu werden
und manche Tradition sei einfach nur grotesk.
Als Leser und Leserin lässt man sich mitnehmen,
fühlt mit und manchmal darf auch geschmunzelt werden
(also die Touristengruppen mit den Fotoapparaten aber auch! 😉)
Gute Fragen sind:
Wer will reformieren,
wer will überhaupt Reformen?
Wer fängt die Enttäuschung und die Enttäuschten auf?
Können wir mit Lebensbrüchen auch konstruktiv und liebevoll umgehen?
Ist das Bleiben in der Kirche wie eine Co-Abhängigkeit bei Alkoholikern, die das System stabilisiert?
Sein Tonfall ist selbst-reflektiert,
differenziert, offen, er jammert nicht,
er klagt nicht an, von Finger-pointing ist er weit entfernt.
Wer ihn kennt, hört ihn hier sprechen,
ein authentisches, echtes Buch.
Ja, da geht ein Freund,
er schaut klar, aber freundlich
auf seine geistliche Heimat,
lobt seinen Bischof
und hofft auf ein Wiedersehen.
Dem ehemaligen Generalvikar des Bistums Speyer
sei eine Verschnaufpause bei den Altkatholiken von Herzen gegönnt,
er darf raus aus dieser Kirche, gut, wenn wir Freunde bleiben.
Ein Buch,
dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche.
Andreas Sturm, Ich muss raus aus dieser Kirche. Herder, 2022, 185 S., 18 €