05/06/2026
FREITAGSPREDIGT - WIE ERREICHT MAN GLÜCK?
Liebe Geschwister,
eine der ältesten und zugleich wichtigsten Fragen des Menschen lautet: Wie werde ich glücklich?
Jeder Mensch sucht nach Glück. Manche suchen es im Geld, andere im Erfolg, in Anerkennung, Besitz oder Genuss. Doch trotz des gestiegenen Wohlstands erleben wir heute eine Zeit, in der Einsamkeit, Stress, Depressionen und innere Unruhe zunehmen. Viele Menschen besitzen mehr als frühere Generationen, fühlen sich aber dennoch leer und unzufrieden.
Die moderne Glücksforschung hat über Jahrzehnte hinweg untersucht, was Menschen langfristig glücklich macht. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Nicht Reichtum, Luxus oder Status stehen an erster Stelle. Die wichtigsten Faktoren für ein glückliches Leben sind tiefe soziale Beziehungen, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Sinnhaftigkeit und innere Zufriedenheit.
Genau dies lehrt uns der Islam seit über vierzehn Jahrhunderten. Allah t. sagt: "Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe." (ar-Ra'd, 13:28)
Der Islam versteht Glück nicht als die Abwesenheit von Problemen oder Prüfungen. Auch die Propheten s. wurden geprüft. Wahres Glück bedeutet vielmehr, trotz Herausforderungen innere Ruhe und Frieden zu finden, weil das Herz mit Allah t. verbunden ist.
Ein Mensch kann alles besitzen und dennoch unglücklich sein. Ein anderer besitzt wenig, aber sein Herz ist voller Zufriedenheit. Der Unterschied liegt nicht im Besitz, sondern im Zustand des Herzens.
Liebe Geschwister,
die moderne Forschung zeigt, dass stabile familiäre und soziale Beziehungen der wichtigste Glücksfaktor überhaupt sind. Eine berühmte Langzeitstudie kam zum Schluss, dass tiefe Beziehungen Menschen nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder und langlebiger machen.
Unser Prophet Muhammad s.a.v.s. sagte bereits vor vierzehn Jahrhunderten: „Wer möchte, dass seine Versorgung erweitert und seine Lebensspanne verlängert wird, der soll seine Verwandtschaftsbande pflegen.“ (Bukhari & Muslim)
Dieser Hadith zeigt uns, dass Glück nicht in der Isolation entsteht, sondern in der Verbundenheit mit anderen Menschen.
Wie viele Menschen suchen ihr Glück in immer mehr Besitz, während sie gleichzeitig ihre Eltern, Geschwister oder Verwandten vernachlässigen. Doch der Prophet s.a.v.s. lehrt uns, dass Barakah (Segen), Zufriedenheit und innerer Frieden dort entstehen, wo Beziehungen gepflegt, Streitigkeiten beigelegt und Herzen versöhnt werden.
Liebe Geschwister,
ich möchte euch eine Geschichte erzählen:
Ein wohlhabendes Ehepaar suchte einen Imam auf. Obwohl ihnen materiell nichts fehlte, lebten sie in ständigen Konflikten und Auseinandersetzungen. Sie glaubten sogar, jemand habe ihnen Magie angetan.
Der Imam hörte ihnen aufmerksam zu und gab ihnen anschliessend eine Liste mit zehn armen Familien. Er sagte: „Besucht diese Familien. Schaut, was sie brauchen. Helft ihnen, so gut ihr könnt. Danach kommt in einem Monat wieder zu mir.“
Das Ehepaar tat, was ihnen geraten wurde. Sie besuchten Bedürftige, brachten Lebensmittel, unterstützten Familien und hörten sich die Sorgen anderer Menschen an.
Nach einem Monat kehrten sie zurück.
Der Imam fragte: „Wie geht es euch?“
Sie antworteten: „Unsere Beziehung hat sich deutlich verbessert. In diesem Monat hatten wir keinen einzigen grösseren Streit.“
Warum?
Weil sie aufgehört hatten, sich ständig um ihre eigenen Probleme zu drehen. Sie begegneten Menschen, die wirkliche Not kannten. Dadurch wurden sie dankbarer für die Gaben Allahs t. und lernten ihre eigenen Segnungen neu zu schätzen.
Genau darauf weist uns auch unser Prophet Muhammad s.a.v.s. hin.
Ein Mann beklagte sich über die Härte seines Herzens. Da sagte der Prophet s.a.v.s.: „Wenn du möchtest, dass dein Herz weich wird, dann speise die Bedürftigen und streichle über den Kopf des Waisenkindes.“ (Bukhari & Ahmad)
In einer anderen Überlieferung wird erwähnt, dass für jedes Haar des Waisenkindes, das die Hand berührt, eine Belohnung geschrieben wird.
Liebe Geschwister,
welch gewaltige Weisheit steckt in diesem Hadith!
Wer einem Bedürftigen Nahrung gibt, erkennt den Wert der eigenen Versorgung.
Wer einem Waisenkind Liebe schenkt, erkennt den Wert der eigenen Familie.
Wer die Sorgen anderer lindert, erlebt oft, dass Allah t. seine eigenen Sorgen erleichtert.
Heute sprechen Wissenschaftler von den positiven Auswirkungen von Mitgefühl, sozialem Engagement und Empathie auf die psychische Gesundheit. Der Islam hat uns diesen Weg längst gezeigt: Glück entsteht nicht dadurch, dass wir ständig fragen: „Was bekomme ich?“ Sondern indem wir fragen: „Was kann ich geben?“
Möge Allah t. unsere Herzen mit Ruhe erfüllen, unsere Familien stärken, unsere Verwandtschaftsbande festigen, uns zu den Dankbaren machen und uns die wahre Glückseligkeit im Diesseits und im Jenseits schenken. Amin!
Imam Rehan Neziri
Kreuzlingen, 05.06.2026