23/07/2026
Predigt von Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz aus Paderborn (D) an der äusseren Feier Unserer Lieben Frau von Einsiedeln am 19. Juli 2026
Gott wartet nicht, bis die Nacht vorbei ist. Er kommt mitten in die Nacht. Nicht erst dann, wenn alles geklärt, geordnet und schön hell geworden ist. Sondern schon dort, wo alte Gewissheiten zerbrechen und das Ende näher scheint als ein Anfang. Schon im Alten Testament heißt es: „Als tiefes Schweigen das All umfing / und die Nacht ... bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel.“ Diese Worte hören wir in der Weihnachtsnacht. In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tages. Die „Mitte der Nacht“ ist der dunkelste, kälteste Moment, die Phase, in der das Gestern unwiederbringlich vorbei und das Morgen noch unsichtbar ist. Paradoxerweise birgt aber erst der absolute Tiefpunkt die Chance auf die Kehrtwende.
Vielleicht ist das ein Schlüssel für das Jubiläum, das Sie hier in Einsiedeln feiern: 500 Jahre Wiederaufblühen. Das Jahr 1526 war keine glanzvolle Sternstunde. Das Kloster stand kurz vor dem Aus. Die große Geschichte dieses Ortes schien für immer zu verstummen. Und doch wurde gerade diese dunkelste Stunde zur Stunde der Wende.
Die entscheidende Bewegung kam aber nicht aus dem Kloster selbst. Die Schwyzer griffen ein. Ausgerechnet die politische Kraft, die dem Kloster auch als Konkurrentin gegenüberstand, wollte nicht hinnehmen, dass Einsiedeln als Kloster und Wallfahrtsort verwaist. Sie holte den St. Galler Mönch Ludwig Blarer und setzte ihn am Vorabend von Mariä Himmelfahrt 1526 als neuen Abt ein. Der Anstoß kam also von außen – überraschend, ungewohnt, kirchenrechtlich auch nicht spannungsfrei und doch lebensrettend.
Ein scheinbar aussichtsloses Ende, eine Mitte der Nacht – diese Erfahrung wiederholt sich in vielen Lebensgeschichten bis heute. Wir verändern uns selten nur aus eigener Einsicht. Etwas muss von außen kommen: manchmal ein Wort, das trifft, manchmal ein Mensch, der uns widerspricht, manchmal ein Scheitern. Was wir zuerst als Störung erleben, kann zum Anstoß werden. Nicht jede Krise ist Gottes Wille. Aber Gott kann sich auch dessen bedienen, was uns unterbricht. Eine Krise ist nicht nur ein Absturz. Sie ist eine Stunde, in der sich etwas scheidet: Was trägt – und was trägt nicht mehr? Was ist lebendig – und was ist nur Gewohnheit? Was muss bewahrt werden – und wovon müssen wir uns lösen? Die Krise zwingt uns, genauer zu sehen.
In der Nacht genügt es nicht, die Dunkelheit zu beklagen. Man muss den Abgrund wahrnehmen, ohne ihm das letzte Wort zu geben. Man muss das kleine Feuer hüten, damit es nicht erlischt. Die großen Wendepunkte Gottes ereignen sich nicht im gedankenlosen Schlaf, sondern in einer Wachheit, die aushält, dass sie noch nicht alles versteht. Die christliche Hoffnung überspringt die Nacht nicht. Sie hält in ihr Ausschau nach dem, was Gott schon beginnen lässt.
Das gilt natürlich auch für Krisenzeiten in der Kirche. Auch sie wird nicht allein aus sich selbst erneuert, sondern oft durch den Anstoß von außen. Die Wirklichkeit spricht zu ihr. Sie tritt an die Kirche heran und fordert sie heraus. Die Fragen der Menschen, ihre Freiheitsgeschichte, ihre Verwundungen, ihre Suche nach Gerechtigkeit, die Erkenntnisse der Wissenschaften und die Erfahrungen einer pluralen Gesellschaft sind nicht bloß eine feindliche Außenwelt. Sie können zu Zeichen der Zeit werden, die im Licht des Evangeliums gelesen werden wollen. Nicht: hier die Kirche – dort die schlechte Welt. Sondern: Wir als Kirche inmitten der Welt. Bedient sich Gott vielleicht der säkularen Welt, um uns durch manche Zumutung zu einem Wendepunkt in der Krise zu führen? Ein spannender Gedanke. Das verlangt von der Kirche keine ängstliche Anpassung. Vielleicht aber spricht Gott gerade durch das, was uns irritiert. Vielleicht ruft er uns heraus aus Selbstgenügsamkeit, Machtgewohnheit und frommer Betriebsamkeit.
Gerade Maria kann uns hier einen geistlichen Anstoß geben. Sie kann das Geschehen unter dem Kreuz nicht kontrollieren. Ihren Sohn kann sie nicht retten. Von außen bricht eine Wirklichkeit über sie herein, eine Zumutung, die alles zerstört, was sie erhofft hatte. Und doch flieht sie nicht. Sie bleibt. Sie hält die Nacht aus, ohne das Licht zu vergessen, und bewahrt die Verheißung, obwohl diese ihre bisherige Gestalt verliert. So bleibt sie offen für das Wort, das ihr gerade dort unter dem Kreuz zugesprochen wird: „Frau, siehe, dein Sohn!“ – „Siehe, deine Mutter!“ Der äußere Bruch wird zum Ort einer neuen Sendung. Mitten im Sterben stiftet Christus eine Beziehung, die vorher so nicht da war. Mitten im Sterben wächst eine neue Gemeinschaft. Maria wird so zum Urbild einer Kirche, die sich erneuern lässt.
Diese Wachheit braucht die Kirche heute. Nicht hektische Aktivität, nicht das nächste Programm, nicht noch ein Update, das alle Probleme lösen soll. Wir erleben ohnehin eine tiefe Transformationsmüdigkeit. Viele Menschen sind erschöpft von dem ständigen Anspruch, sich neu zu erfinden, effizienter zu werden und mit jeder Veränderung Schritt zu halten. Auch in der Kirche kann Erneuerung zu einem Druckwort werden. Christliche Wachheit ist etwas anderes. Sie ist die Bereitschaft, am Feuer der Nacht wach zu bleiben, das Feuer des Evangeliums nicht ausgehen zu lassen, die Erinnerung an Gottes Treue zu hüten, den Namen Jesu nicht leiser, sondern wahrhaftiger auszusprechen. Und zugleich genau zu prüfen, welche Formen diesem Feuer noch dienen und welche nur noch Asche verwalten. Wachheit heißt deshalb auch: das Alte nicht verachten. Wer in einer kalten Nacht ein Feuer hütet, wirft nicht wahllos alles hinein. Er bewahrt die Glut und legt neues Holz nach. So muss kirchliche Erneuerung geschehen: nicht indem wir unsere Geschichte abschütteln, als wäre sie nur Ballast, aber auch nicht, indem wir jede überkommene Form mit dem Evangelium selbst verwechseln.
„Lasst euch erneuern!“ Ihr diesjähriges Wallfahrtsleitwort ist auffällig formuliert. Nicht: Erfindet euch neu. Nicht: Optimiert euch. Nicht: Macht aus eigener Kraft alles anders. Sondern: Lasst euch erneuern. Das Neue ist Gabe, bevor es Aufgabe wird. Gott ist der Handelnde. Aber er handelt nicht an uns vorbei. Er wartet auf unsere Offenheit, auf unsere Wachheit, auf unser Ja.
Der Anstoß zur Erneuerung kam damals von außen. Aber er musste im Inneren angenommen und mit Leben gefüllt werden. Es brauchte Ludwig Blarer, der den Auftrag annahm. Es brauchte Menschen, die wieder eintraten, beteten, arbeiteten und Verantwortung übernahmen. Genau darin liegt das Geheimnis jeder wirklichen Erneuerung: dass wir tiefer zu dem werden, was wir als Kirche von Christus her sind – Zeichen und Werkzeug der Nähe Gottes, Sakrament seiner Gegenwart, Gemeinschaft der Verschiedenen, Anwältin der Würde jedes Menschen, Raum der Versöhnung und Schule des Hörens und des Gebets.
Der Prophet Zefanja – wir haben es gehört – ruft dem bedrohten Gottesvolk zu: „Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte.“ Das ist die Quelle der Erneuerung. Gott ist in der Mitte. Nicht erst nach der Krise. Nicht erst, wenn die Kirche wieder stark ist. Nicht erst, wenn unsere Fragen beantwortet sind. Er ist in der Mitte der Nacht, in der Mitte der Verwundung, in der Mitte einer Welt, die sich ihrer selbst nicht sicher ist. Darum dürfen wir die Hände nicht sinken lassen. Aber wir dürfen sie auch nicht in den Schoß legen. Wir sollen wach bleiben, unterscheiden und handeln. Wir sollen das Feuer hüten und zugleich Platz schaffen für das Neue. Wir sollen den Anstoß von außen nicht fürchten und die Erneuerung von innen nicht verweigern.
Vielleicht liegt darin die Botschaft dieser 500 Jahre Wiederaufleben der Abtei Einsiedeln. Was damals in Einsiedeln geschah, ist mehr als eine Episode der Klostergeschichte. Es ist ein Gleichnis der Hoffnung: Das Ende, das schon greifbar schien, wurde zu einem neuen, anderen Anfang.
Hier in Einsiedeln kommen Menschen seit Jahrhunderten zur Muttergottes, zur „Schwarzen Madonna“. Sie kommen mit Dank und Bitte, mit Verwundungen und Hoffnungen, mit Fragen und Lasten. Heute dürfen auch wir all das unter das Kreuz stellen: unser eigenes Leben, unsere Kirche, unsere technisierte Welt, unsere bedrohte Schöpfung und unsere Sorge um die Zukunft. Maria zeigt uns die Haltung der Erneuerung: Sie bleibt. Sie hört. Sie hält die Nacht aus, ohne das Licht zu vergessen.
„Lasst euch erneuern!“ Das ist kein zusätzlicher Leistungsauftrag. Es ist eine Einladung zum Vertrauen. Denn wenn die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt ist, ist Gottes Wort schon unterwegs.