13/09/2026
Predigt von Pater Thomas Fässler am 24. Sonntag im Jahreskreis 2026
(Sir 27, 30-28, 7; Mt 18, 21–35)
Katharina Kepler, die Mutter des berühmten Astronomen und Mathematikers Johannes Kepler, wurde im Sommer 1615 der Hexerei bezichtigt. Der Ausgangspunkt dieser Anklage war, wie sich letztlich herausstellen sollte, ein übler Nachbarschaftsstreit. Aus Neid wollten die Ankläger ihre Nachbarin fertig machen. Fast hätte dies Katharina das Leben gekostet. Um von Verleumdungen zu erfahren, von Lügengeschichten und von Menschen, die versuchen, anderen bewusst Leid zuzufügen, müssen wir freilich nicht weit in die Ferne blicken – weder zeitlich noch geographisch. Leider.
Wie wirkt es nun wohl, liebe Schwestern und Brüder, auf Menschen, die solche Geschichten erdulden, erleiden müssen, wenn ich hier vorne verlange, dass man verzeihen soll – gar nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder?
Unrecht muss benannt werden und angetanes Leid muss Konsequenzen haben. Ich sollte darauf vertrauen dürfen, dass jemand für mich einsteht.
Gerade darin liegt nun aber der entscheidende Punkt: Nicht ich bin es, der mir selbst Recht verschaffen muss. Und schon gar nicht, indem ich versuche, auch dem anderen das mir selbst widerfahrene Unrecht anzutun. Vielleicht entspricht ein solches Vorgehen einem menschlichen Bedürfnis. Der andere soll am eigenen Leib erfahren, was ich erleiden muss. Doch als Gläubige wollen wir uns doch in unserem Handeln eigentlich nicht von inneren Regungen und Bauchentscheiden leiten lassen.
Wir können die Frage vorerst auch ganz ohne Blick auf den Glauben erörtern, rein philosophisch. Das tue ich jeweils mit unseren Schülerinnen und Schülern im Geschichtsunterricht, wenn wir uns mit dem Nationalsozialismus beschäftigen und mit der Frage, ob es erlaubt sei, einen grausamen Diktator wie Hi**er zu töten. Die meisten der jungen Menschen lehnen einen solchen Schritt ab, so sehr sie auch – natürlich – seine Taten verachten und verurteilen: Denn wer zur Waffe greift, tut selbst genau das, was er am anderen verurteilt. Wir wären keinen Deut besser – und stellen uns auf eine Ebene mit dem, was wir eigentlich bekämpfen wollen.
Auch aus dem Glauben finde ich Argumente dagegen: Vergeltung kommt allein Gott zu. Nicht ich bin es, der über andere richten muss. Rechtfertigen muss sich jeder einst vor Gott, selbst wenn man auf Erden nie zur Rechenschaft gezogen wurde.
Wer in diesem Sinn übergeben kann, wer das Recht auf Vergeltung loslassen kann, erfährt eine unglaubliche innere Freiheit. Und sie wiederum ist die Voraussetzung dafür, irgendwann sogar verzeihen zu können, nicht mehr nachzutragen. Freilich ist dies etwas anderes als zu vergessen. Es gibt Dinge, die können und sollen wir nicht einfach vergessen. Selbst verheilte Wunden zeigen Narben, die uns an unsere Geschichte erinnern, die uns letztlich zu dem gemacht haben, wie wir heute sind. Auch Christus trug nach seiner Auferstehung noch seine Wundmale vom Kreuz, an denen er nicht zuletzt auch von seinen Freunden erkannt wurde.
Die Auferstehung hat seine Wunden nicht ausgelöscht. Gott hat nicht einfach so getan, als wäre das Kreuz nie geschehen. Heilung bedeutet nicht, dass unsere Geschichte ausgelöscht wird. Vergebung bedeutet nicht, dass wir sagen müssen: Es war doch gar nicht so schlimm.
Die Narben dürfen bleiben. Aber sie müssen nicht mehr bestimmen, was wir als Nächstes tun. Ich kann mich erinnern, ohne zurückschlagen zu müssen. Ich kann das Unrecht beim Namen nennen, ohne selbst Unrecht zu tun. Ich kann anerkennen, dass mir etwas angetan wurde, ohne mein ganzes weiteres Leben von diesem Geschehen bestimmen zu lassen. Und vielleicht ist das der tiefste Sinn des Vergebens: Nicht, dass der andere davonkommt. Sondern dass ich selbst nicht für immer an das gebunden bleibe, was mir angetan wurde.
Ich überlasse Gott das Recht auf Vergeltung – und gewinne dadurch mein eigenes Leben zurück. Christus hat uns genau das vorgelebt: Wir sollen unsere Wunden nicht verleugnen. Aber wir lassen sie auch nicht zum letzten Wort über unser Leben werden. Das letzte Wort hat nicht die Verletzung, nicht die Schuld des anderen, auch nicht der Tod. Das letzte Wort hat allein Gott. Amen.