07/06/2026
Predigt von P. Thomas Fässler am Zehnten Sonntag im Jahreskreis
Dass er Zöllner war. Und dass er Matthäus hiess, nach anderen Quellen Levi. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Einzige, was wir über den Hauptprotagonisten des heutigen Evangeliums wissen. Mehr geben die Texte nicht her. Wir wissen nicht, ob er alleine lebte oder eine Frau hatte, ja vielleicht sogar Kinder. Wir wissen auch nicht, wie alt er war, als er Jesus zum ersten Mal begegnete, wie er aussah, ob er ein gewinnendes Wesen hatte oder auf andere eher abschreckend wirkte. War er gesund und kräftig, handwerklich geschickt, reich, ehrlich oder vielmehr hintertrieben? Auch davon haben wir keine Ahnung. Nichts wissen wir über seine Herkunft, seine Geschichte, seine Kindheit – ob er Gewalt erleiden musste oder schon früh seine Eltern verlor und so ganz auf sich allein gestellt war, sodass er sich ohne die Existenz irgendwelcher staatlicher Unterstützung allein durchs Leben schlagen musste.
Wir haben keinen blassen Schimmer davon, weshalb er Zöllner wurde, sich also in den Dienst der römischen Besatzungsmacht stellte, eine Zollstation pachtete und dafür von den Händlern, die mit ihren Waren an ihm vorbeizogen, Zölle einziehen konnte. Das war häufig ein recht lukratives Geschäft, weil die Einnahmen die Pacht deutlich überstiegen. Ein Kollaborateur, der viel Geld verdient: Da ist der Neid der Leute nicht weit.
Aber nochmals: Wir wissen nicht, ob er seinen Job aus eigenem Antrieb gewählt hat, ob er überhaupt eine Wahl hatte. Nichts sagen die uns vorliegenden Texte auch darüber, ob es ihm etwas ausmachte, einen zwar einträglichen, aber keineswegs angesehenen Beruf auszuüben. Ich selbst würde gerne wissen, ob Matthäus ein schlechtes Gewissen hatte oder ob er sich vielmehr sagte: „Was die anderen denken, ist mir doch egal; ich nutze die guten Verdienstmöglichkeiten, die mir die Römer bieten – und fertig.“
Was wissen wir eigentlich von unseren Mitmenschen? Was wissen wir über ihre Geschichte, darüber, was sie schon alles erlebt haben, erleiden mussten, weshalb sie so sind, wie sie sind, so handeln, so denken, so sprechen? Was wissen wir von ihren Enttäuschungen, ihren Verletzungen, ihren unerfüllten Wünschen und Hoffnungen? Geben wir es zu: meist nicht viel. Und doch sind wir schnell im Urteilen, ja im Verurteilen, als ob wir alles wüssten – ganz wie die Pharisäer, die dem Zöllner Matthäus, der vielleicht bereit war, seinem Leben eine neue Wendung zu geben, nicht einmal die Beziehung mit Gott gönnten. Als ob sie darüber entscheiden könnten, wer zu Gott darf und wer nicht – sie, die kaum etwas verstanden, aber doch alles zu wissen glaubten. So nochmals die Frage: Und wir? Amen.