30/09/2024
Das Impostor-Syndrom
Morgen bin ich Rentner.
Über viele Aspekte meines Berufslebens habe ich in den vergangenen Monaten Interviews gegeben und einige Texte gepostet.
Zeit noch was anzusprechen:
Das Impostor-Syndrom. Auf Deutsch das Hochstapler-Syndrom.
Das Phänomen kenne ich schon lange, den Begriff habe ich dank Nelly Riggenbach Hasler kennengelernt.
Das Gefühl, nie zu genügen im Beruf, im Leben.
Die Angst, dass alle anderen irgendwann merken, dass ich eigentlich gar nichts kann.
Ja, das kenne ich in- und auswendig.
Ich war nie gut genug in der Primarschule, mein Vater war nie zufrieden mit mir.
Am Gymnasium hatte ich diese Stimme bereits tief in mir drin.
Ich war zu doof, zu ungebildet, alle anderen waren viel klüger als ich.
Ich lernte nicht etwa richtig zu lernen, sondern ich lernte zu bluffen.
Über Bücher zu reden, von denen ich nur den Text auf der Rückseite verstanden hatte.
Irgendwie kam ich durch alle Prüfungen, sogar in den wissenschaftlichen Fächern, in denen ich zwar absolut grausam ahnungslos war, irgendwie reichte es (oder mein Banknachbar half mir).
Nach Matur und Rekrutenschule arbeitete ich 3 Monate als Hilfspfleger im Paraplegikerzentrum. Am zweiten Tag stand ich alleine in einem Zimmer mit sechs Patienten, 2 davon Tetraplegiker.
Ich war sicher, dass die mir Ausgelieferten einen qualvollen Tod sterben würden.
Zum Glück wussten die Patienten sehr gut Bescheid, was sie brauchten und erklärten mir alles 100 Mal.
An der Uni, wo ich zuerst Englisch, Geschichte und Musik studierte, fühlte ich mich völlig verloren. Ich konnte in den Diskussionen nicht mithalten, „was, du hast die Aufsätze von Professordoktordoktorscholterathenau nicht gelesen, wie willst du eigentlich studieren?“
Ich flüchtete mich in Tagträume, in Begegnungen, in Aktivismus, hing im Uni-Kaffee rum und ging jeden zweiten Nachmittag ins Kino.
Ich wechselte die Studienrichtung und wollte Pfarrer werden.
Der Glaube interessierte mich, auch wenn mein eigener Glaube immer viel zu klein war.
Mit nur wenig älteren in Seminaren zu diskutieren, die schon 6 Semester in Tübingen und an der Sorbonne und in Oxford studiert hatten, war völlig aussichtslos. Zum Glück machten die sich zum Teil gegenseitig intellektuell (was definitiv nicht das selbe ist wie intelligent) fertig und übersahen mich völlig. Ich konnte mich zurücklehnen und lernte mehr über menschliche Interaktionen als über Theologie.
Ich behaupte nicht, dass ich gar nichts begriff oder nie lernte. Nur war es immer zu wenig.
Irgendwann würde mir jemand auf die Spur kommen, mich bloss stellen, für die dunkle Wolke des Nichtswissens und Nichtskönnens in mir drin.
Das zog sichweiter. Ich würde womöglich immer noch im Uni-Kaffee herumsitzen und auf eine weise Ritterin warten, wenn ich nicht gelernt hätte, mich selbst zu überlisten:
Ich fing an, bei Anfragen einfach zuzusagen, auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie ich das schaffen würde.
So wurde ich nicht nur Seelsorger für Menschen mit Behinderungen und in den Untersuchungsgefängnissen, so wurde ich auch Gemeindepfarrer.
Wenn ich den Talar anzog und vor dem Spiegel mein stets verrutschendes weisses Bäffchen versuchte zu richten, dachte ich oft:
Vielleicht bin ich gar nicht Pfarrer, vielleicht spiele ich nur einen.
Na gut, sagte ich mir, dann übernimm diese Rolle wenigstens und spiel sie gut, spiel sie von ganzem Herzen, spiel sie ohne zu lügen über irgendein fantastisches Glaubenserlebnis, das du nie hattest (so sehr ich mir das auch wünschte).
Geh in diese Rolle hinein, für die Menschen, die auch voller Ängsten und Zweifeln sind.
Sei authentisch, berührbar, nahbar, verletzlich. Geh das Risiko ein.
Es geht jetzt nicht um dich und deine Befindlichkeit.
Mit der Zeit kommt Erfahrung; mit der Zeit kommt die Erkenntnis, dass alle, aber wirklich alle anderen ihre Spaghetti auch nur mit Wasser kochen. Einige haben bessere Saucen im Repertoire, aber verhungern muss wegen dir niemand.
Dann wurden die Anfragen immer grösser. Ich erinnere mich an Nächte ohne Schlaf, in denen ich mich verwünschte für meine Zusagen.
Manchmal musste ich mir sagen: In 24 Stunden ist alles vorbei.
Egal ob es gut herauskommt oder nicht:
Es werden dich nicht alle verlassen. es wird Menschen geben, die zu dir stehen.
Und vielleicht steht sogar Gott zu mir.
Vielleicht nehme ich mich ein BISSCHEN zu ernst, wenn ich denke, dass Gott nicht klarkommt mit mir und meiner ganzen Unvollkommenheit.
Vielleicht sollte ich auch einfach den Stimmen mehr vertrauen, die mir sagen, dass etwas gut war. Nicht den - verhältnismässig wenigen, aber von mir viel höher gewichteten - Stimmen, die mich vernichtend kritisierten als ungläubig, als zu wenig seriös, zu wenig gebildet.
Solche Stimmen haben deshalb so viel Kraft, weil sie die Stimmen in uns drin bestätigen.
Im Rückblick auf die letzten Jahre sehe ich, dass ich insgesamt gelassener wurde.
Ein Urvertrauen ist gewachsen, dass ich gehalten werde.
Ausgehalten.
Von Gott und von einigen Menschen.
Weil ich manche Dinge tief in der Nacht noch aufschreibe, damit ich dann einschlafen kann und mich bei Tageslicht kaum noch an meine dunklen Gefühle erinnere, habe ich jetzt gesehen:
Vor kurzem überfiel mich das Impostor-Syndrom wieder mit voller Kraft.
Das Gefühl des völligen Versagens in einem Gespräch reichte aus dazu.
Es ist ein Teil von mir.
Ich lerne damit zu leben.
Es hilft mir sicher, nie auf den Gedanken zu kommen, dass ich ein „Siebesiech“ bin, der sich alles hart erarbeitet hat.
Ich muss nicht Paulus oder Martin Luther King sein, ich muss „nur“ mich selbst sein.
Das reicht als Lebensaufgabe.
Und wer ich bin und was ich bin, bin ich dank vielen anderen Menschen.
Danke euch allen.
P.S.:
Die gute Nachricht: Wirkliche Scharlatane und Menschenmanipulierer kennen dieses Syndrom nicht. Sie sind viel zu überzeugt von sich selbst.