14/08/2026
Wenn man in Venedig auf die Insel Torcello kommt und die alten Mosaike in der wunderbaren Kathedralkirche betrachtet, begegnet man einer Welt, die längst vergangen ist und doch bis heute zu uns spricht. Die Kirche wurde 639 im Auftrag des Exarchen von Ravenna Isaacius errichtet, um dem bischöflichen Stuhl von Altinum einen neuen Sitz zu geben. Kurz zuvor hatte deren Bischof Paulus in der Stadt Turricellum Zuflucht vor dem Angriff der Langobarden gefunden und den Kirchenschatz und die Reliquien der Diözese dorthin mitgenommen. Das neue städtische Zentrum wurde bald zu einem der wohlhabendsten in der Republik Venedig. So wurde die Kirche zum ersten Mal im Jahr 826 vergrößert. Im Jahr 1008 wurde sie auf Wunsch des neu eingesetzten Bischofs Orso Orseolo, Sohn des Dogen Pietro II. Orseolo, wieder aufgebaut und mit dem Patrozinium der Aufnahme Mariens in den Himmel versehen. Viele kleine Steine fügen sich an den Wänden der Kirche zu einem großen Bild. Vielleicht ist das ein schönes Bild für unser Leben: Wir sehen oft nur einzelne Steine – Gott aber sieht das ganze Bild. Mit diesem Gedanken feiern wir heute Maria, aufgenommen in den Himmel.
Die Frage dieses Festes ist eine sehr persönliche: Was ist das Ziel unseres Lebens? Was bleibt von dem, was wir leben, hoffen und lieben? Die erste Lesung aus der Offenbarung sagt: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“
(Offb 12,1) Maria erscheint hier als Zeichen der Hoffnung, aber nicht in einer Welt ohne Bedrohung. Auch ihr Leben kennt Unsicherheit, Schmerz und schließlich das Kreuz. Das ist auch unsere Erfahrung: Wir kennen Sorgen, Abschied, Krankheit, Enttäuschung und die Frage: Wie geht es weiter?
Maria zeigt uns nicht ein Leben ohne Schwierigkeiten, sondern ein Leben, das Gott auch in den Schwierigkeiten vertraut. Das Evangelium erzählt: „In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.“
(Lk 1,39) Im griechischen Text steht dafür ἀναστᾶσα, wörtlich: „aufgestanden“, „sich erhoben“, „sich aufgemacht“. Maria hört Gottes Wort – und sie bleibt nicht sitzen. Sie steht auf und geht. Ihr Glaube bringt sie in Bewegung. Sie geht zu Elisabet, zu einem Menschen, der sie braucht. Vielleicht ist das auch eine Frage an uns: Führt unser Glaube uns zu den Menschen oder bleiben wir bei unseren Sorgen und uns selbst stehen? Elisabet sagt zu Maria: „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“
(Lk 1,45) Maria glaubt, obwohl sie nicht alles versteht. Der heilige Augustinus schreibt: „Christum prius mente quam ventre concipiens.“
„Christus zuerst im Geist als im Leib empfangend.“ (Augustinus, Sermo 215,4; PL 38,1074) Maria nimmt Christus zuerst im Glauben auf. Und dieser Glaube wird zu ihrem Weg. Auch wir müssen nicht auf alle Fragen des Lebens eine Antwort haben. Glauben heißt manchmal einfach: Ich verstehe es nicht – aber ich vertraue darauf, dass Gott mich nicht verlässt. Darum ist die zweite Lesung so entscheidend. Paulus schreibt: „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.“
(1 Kor 15,20) Und: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“ (1 Kor 15,22) Das ist die Mitte unseres Glaubens: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Christus hat das letzte Wort – und sein Wort heißt Leben. Maria ist das Zeichen dafür. Was Gott an ihr vollendet hat, ist unsere Hoffnung.
Torcello kann dafür ein gutes Beispiel sein. Vieles, was hier einst lebendig war, ist vergangen; aber Spuren sind geblieben. Die Mosaike erzählen noch immer vom Glauben früherer Generationen. Auch unser Leben ist wie ein Mosaik. Es gibt helle und dunkle Steine, Freude und Leid, Gelungenes und Unverstandenes. Wir sehen einzelne Steine – Gott sieht das ganze Bild. Deshalb müssen wir nicht alles festhalten. Wir dürfen unser Leben Gott anvertrauen: unsere Freude, unsere Sorgen, unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Maria zeigt uns: Ein Leben mit Gott ist kein Leben ohne Kreuz, aber ein Leben, das durch das Kreuz hindurch zur Vollendung geführt wird. Darum beten wir heute mit ihr:
„Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“
(Lk 1,46–47) Und wir bitten:
Maria, hilf uns zu vertrauen, wenn wir nicht verstehen. Hilf uns aufzubrechen, wenn wir stehen bleiben. Hilf uns, für andere da zu sein, und führe uns immer wieder zu deinem Sohn. Denn das ist unsere Hoffnung: Christus ist auferstanden. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Und unser Leben ist in Gottes Händen.