07/06/2026
Der große Konzilstheologe Yves Congar hat einmal in einem seiner Werke unter dem Titel „Vraie et fausse réforme dans l’Église“ (Wahre und falsche Reform in der Kirche, Paris 1950) geschrieben: „Man darf nicht die Kirche ändern, sondern man muss etwas in der Kirche ändern. Man kann keine andere Kirche machen, aber man muss die Kirche in gewissem Maße anders werden lassen.“
Mit diesen Worten erinnert er uns daran, dass die Erneuerung der Kirche nicht zuerst durch neue Programme, Strukturen oder Konzepte geschieht, sondern dort beginnt, wo Menschen sich neu vom Evangelium berühren und verwandeln lassen. Genau um eine solche Erneuerung des Herzens geht es in den heutigen Lesungen am 10. Sonntag im Jahreskreis.
Im Evangelium (Mt 9,9-13) begegnet Jesus dem Zöllner Matthäus, einem Mann, der in den Augen vieler seiner Zeitgenossen als Sünder galt und dessen Ruf längst zerstört war. Doch Jesus übernimmt nicht die Urteile der Menschen. Er sieht in Matthäus nicht dessen Vergangenheit, sondern seine Zukunft, nicht seine Schuld, sondern seine Berufung. Deshalb genügt ein einziges Wort: „Folge mir nach!“ (Mt 9,9) Und Matthäus steht auf und folgt ihm. Gerade darin wird deutlich, dass Gottes Barmherzigkeit immer vor unserer Umkehr kommt. Jesus wartet nicht darauf, dass Matthäus zuerst sein Leben in Ordnung bringt; vielmehr verändert die Begegnung mit Jesus sein Leben von Grund auf.
Als die Pharisäer daran Anstoß nehmen, dass Jesus mit Zöllnern und Sündern am Tisch sitzt, antwortet er mit einem Satz, der gleichsam die Mitte des heutigen Evangeliums bildet: „Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13). Im griechischen Urtext steht für Barmherzigkeit das Wort ἔλεος. Dieses Wort bezeichnet nicht bloß Mitleid oder Nachsicht, sondern jene erbarmende und heilende Liebe Gottes, die den Menschen aufrichtet, ihm seine Würde zurückgibt und ihm einen neuen Anfang ermöglicht. Die Pharisäer sehen die Schuld des Matthäus; Jesus sieht den Menschen, den Gott nicht aufgegeben hat. Die Pharisäer schauen zurück auf das, was war; Jesus blickt auf das, was durch Gottes Gnade werden kann. Deshalb verweist Jesus auf den Propheten Hosea, der schon Jahrhunderte zuvor im Namen Gottes gesprochen hatte: „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern“ (Hos 6,6). Gott lehnt den Gottesdienst nicht ab, aber er macht deutlich, dass jede religiöse Handlung ihren Sinn verliert, wenn sie nicht von Liebe und Barmherzigkeit getragen wird. Wahre Gottesverehrung zeigt sich letztlich darin, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Die zweite Lesung Röm 4,18-25 stellt uns Abraham vor Augen, den Paulus als Vater des Glaubens bezeichnet. Obwohl menschlich gesehen alles gegen die Verheißung Gottes sprach, hielt Abraham an seinem Vertrauen fest. Darum schreibt Paulus: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt“ (Röm 4,18).
Abraham vertraute nicht auf seine eigenen Möglichkeiten, sondern auf die Treue Gottes. Dasselbe Vertrauen finden wir auch bei Matthäus, der den Mut hat, seinen bisherigen Lebensweg hinter sich zu lassen und dem Ruf Jesu zu folgen. Beide zeigen uns, dass Glaube bedeutet, sich Gott anzuvertrauen, auch wenn der Weg noch nicht überschaubar ist. Wenn wir in jeder Eucharistiefeier beten: „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich“, dann verwenden wir dieselbe Wortwurzel wie im heutigen Evangelium. Wir bitten Gott um sein ἔλεος, um seine erbarmende Liebe, die heilt, vergibt und erneuert. Diese Liebe hat Matthäus erfahren, diese Liebe hat Abraham getragen, und dieselbe Liebe wird auch uns heute zugesagt.
So können wir am Ende noch einmal zu Yves Congar zurückkehren. Die Kirche wird nicht dadurch erneuert, dass sie eine andere wird, sondern dadurch, dass sie immer tiefer aus dem Evangelium lebt. Sie wird dort glaubwürdig, wo Menschen glauben wie Abraham, wo sie sich rufen lassen wie Matthäus und wo sie anderen mit jener Barmherzigkeit begegnen, die Christus selbst vorgelebt hat. Dann wird in unserem Leben und in unserer Kirche sichtbar, was Jesus uns heute ans Herz legt: „Ἔλεος θέλω – Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ (Mt 9,13)