31/03/2026
Jeden Abend um Punkt 22 Uhr passiert im europäischen Stromnetz etwas Seltsames. Die Frequenz, die normalerweise bei exakt 50 Hertz liegt, sackt schlagartig ab. An windstarken Tagen um bis zu 0,2 Hertz. Das klingt nach wenig, ist aber viel: Unterhalb von 49,8 Hertz wird es kritisch für die Netzstabilität.
Vergangenen Dienstag war es besonders deutlich. Innerhalb von 62 Sekunden gingen 3,2 Gigawatt Erzeugungsleistung verloren. Das entspricht drei großen Kohlekraftwerken, die gleichzeitig vom Netz gehen. Europas gesamte Primärregelleistung liegt bei 3,45 Gigawatt. Sie war also fast ausgeschöpft.
Die Ursache ist so banal wie vermeidbar: die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm, kurz TA Lärm. Ab 22 Uhr gelten für Windkraftanlagen strengere Lärmgrenzwerte, die Maschinen müssen gedrosselt werden. Und weil die Vorschrift für alle betroffenen Anlagen denselben Zeitpunkt vorgibt, passiert das synchron. Tausende Windräder regeln gleichzeitig herunter. Bei 40 Gigawatt Windstrom im Netz, wie am Dienstag, reißt das eine Lücke, die das System an seine Grenzen bringt.
Wichtig ist, was das Problem nicht ist: Es ist kein Beweis dafür, dass Windkraft das Netz destabilisiert. Es ist ein Beweis dafür, dass eine Verwaltungsvorschrift aus einer Zeit stammt, in der niemand mit 40 Gigawatt Windstrom gerechnet hat. Die Physik ist nicht das Problem. Die Bürokratie ist es.
Die Lösung liegt auf der Hand, und die Fachwelt ist sich einig: Statt alle Anlagen um Punkt 22 Uhr gleichzeitig zu drosseln, müsste man die Abregelung über eine Viertelstunde strecken. Eine sogenannte Rampe. Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion spricht von einer „deterministischen Frequenzabweichung", also einem vorhersehbaren, regelmäßigen Ereignis. Kein Zufall, kein Notfall, sondern ein Timing-Problem mit Ansage.
Die Bundesnetzagentur hat bereits angekündigt, bei der nächsten Überarbeitung der Vorschriften verbindliche Rampenvorgaben zu prüfen.
Das europäische Verbundnetz kann enorme Mengen an Flexibilität bereitstellen. Es kann nur nicht damit umgehen, wenn eine starre Zeitregel Tausende Megawatt im selben Moment aus dem System reißt.
Die Lösung ist keine Milliardeninvestition, kein technologischer Durchbruch, kein neues Kraftwerk. Es ist eine Änderung in einer Verwaltungsvorschrift. Manchmal ist Energiewende einfach Bürokratieabbau.
Foto von Matteo Alberghini auf Unsplash