15/08/2026
Predigt zum Festtag:
Kennt ihr die Erzählung der griechischen Mythologie vom Jüngling Narziss. Dieser ist ein schöner junger Mann, der an eine Quelle kommt und dort im ruhigen Wasser sein Spiegelbild sieht. Er ist sofort in sein eigenes Spiegelbild verliebt und betrachtet es unermüdlich. Er kommt nicht mehr los. Zuletzt versucht er sein schönes Spiegelbild zu ergreifen, fällt dabei ins Wasser und stirbt.
Von dieser Mythologie kommt der Ausdruck Narzissmus. Man versteht unter Narzissten jene Menschen, bei denen sich fast alles um sie selbst dreht. Sie haben ein hohes Bedürfnis nach Bewunderung und einen Mangel an Einfühlungsvermögen, da sie alles nur aus ihrer Perspektive sehen. Sie nutzen andere für ihre Zwecke aus. Die unendliche Würde, die wir von Gott schon vor jeder Leistung haben, ist für narzisstische Menschen leider kaum spürbar und somit kein Trost und Beweis ihrer Würde ohne jede Leistung. Manche Forscher sagen, dass Narzissmus in den letzten Jahren sehr stark zugenommen hat. Ich befürchte, dass dies stimmt.
Maria als Gegenteil von einem narzisstischen Menschen
Und was hat das alles mit der Gottesmutter Maria zu tun und mit dem heutigen Fest, das früher auch so liebevoll „Hoher Frauentag“ genannt wurde? Eines ist für mich klar: Die Gottesmutter Maria war alles andere als ein narzisstischer Mensch. Sie hatte eine große innere Freiheit. Sie hat niemanden für ihren Vorteil verzweckt. Sie sagte ohne Hintergedanken ja. Maria konnte wirklich dienen und wurde so zur großen Hilfe für die ganze Menschheit. Das zeigt sich wunderbar im heutigen Evangelium:
Maria kommt zu ihrer Verwandten Elisabeth, um ihr die Nähe zu zeigen und der hochschwangeren Elisabeth zu helfen. Sie bleibt drei Monate bei ihr, dass ist die restliche Zeit bis zur Geburt von Johannes.
Wir sehen: Der Blick Marias richtet sich auf Elisabeth. Maria kommt nicht, damit sich alles um sie dreht.
Auch das Gebet Marias ist kein Selbstlob oder Kreisen um sich selbst.
Maria sagt nicht: Schau, wie wichtig ich bin und wie berühmt ich werde. Nicht ohne Grund hat Gott gerade mich auserwählt. Nein, sie lobt Gott und das Handeln Gottes:
Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig.
Maria ist offen für die großen Zusammenhänge der Welt und nicht nur mit sich selbst beschäftigt, auch nach dem Motto. Die Hauptsache mir geht’s gut.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Wunderbar, dass wir am 15. August ihr zu Ehren den Hohen Frauentag feiern. Mit Maria singen wir: „Meine Seele preist die Größe des Herrn. Mein Geist jubelt über Gott meinen Retter.“ Und an Mariens Leben und Grundhaltungen lesen wir ab, wie gelingendes Menschsein und Christsein heute funktioniert. An Maria sehen wir die Würde des Menschen die er von Gott erhält, gratis, gratia, und die ihm die Gewissheit von Herrlichkeit und Zukunft schenkt. Maria angenommen, aufgenommen. Bild unseres Menschseins!
DANKE: Dr. Franz Troyer