05/09/2026
Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis, am 26. September 2026, nach dem Evangelium nach Matthäus.
Liebe Freunde Schwestern und Brüder im Glauben!
Das heutige Evangelium spricht von einem Thema, das wohl jeder Mensch aus eigener Erfahrung kennt: von Verletzungen, Streit und Konflikten, die dort entstehen, wo Menschen miteinander leben.
Jesus gibt uns dabei keine einfache Lösung nach dem Motto: Wenn dir jemand Unrecht getan hat, dann geh ihm aus dem Weg.
Im Gegenteil, sein erster Rat lautet: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.“
Das klingt zunächst selbstverständlich, ist aber in der Praxis oft erstaunlich schwierig. Wenn wir uns über einen Menschen ärgern oder von ihm verletzt worden sind, sprechen wir nämlich häufig zuerst mit anderen darüber und nicht mit dem Betroffenen selbst.
Wir erzählen Freunden, Verwandten oder Bekannten, was geschehen ist, und nicht selten wird dabei aus einer persönlichen Enttäuschung nach und nach ein größerer Konflikt.
Was ursprünglich vielleicht ein Missverständnis oder eine einmalige Verletzung war, bekommt durch viele Gespräche immer mehr Gewicht.
Jesus schlägt einen anderen Weg vor: Rede mit dem Menschen selbst.
Nicht vor anderen und nicht mit dem Ziel, ihn bloßzustellen, sondern zunächst unter vier Augen.
Ein solches Gespräch braucht Mut, weil ich dem anderen sagen muss, was mich verletzt hat, gleichzeitig aber auch bereit sein sollte, seine Sicht der Dinge anzuhören. Vielleicht stellt sich heraus, dass manches anders gemeint war, als ich es verstanden habe.
Vielleicht hat der andere tatsächlich einen Fehler gemacht, vielleicht muss aber auch ich erkennen, dass ich nicht alles richtig beurteilt habe.
Bemerkenswert ist dabei, was Jesus als Ziel dieses Gesprächs nennt:
„Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“
Es geht also nicht darum, einen Streit zu gewinnen oder am Ende Recht zu behalten. Es geht darum, einen Menschen zurückzugewinnen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn was nützt es mir, wenn ich zwar beweisen kann, dass ich im Recht bin, aber dafür einen Menschen verliere, mit dem ich vorher verbunden war?
Damit berührt Jesus eine Erfahrung, die wir alle kennen: Manchmal ist uns unser Recht wichtiger als die Beziehung.
Wir halten an einer Kränkung fest, weil wir nicht nachgeben wollen, oder warten darauf, dass der andere den ersten Schritt macht.
So können Jahre vergehen, während sich die Fronten immer weiter verhärten.
Jesus erinnert uns daran, dass eine Beziehung mehr wert sein kann als der eigene Stolz.
Natürlich weiß Jesus auch, dass nicht jeder Konflikt durch ein einziges Gespräch gelöst werden kann.
Deshalb nennt er weitere Schritte, wenn der erste Versuch scheitert.
Entscheidend ist aber auch hier die Absicht: Es geht nicht um öffentliche Anklage oder darum, einen Schuldigen vorzuführen, sondern darum, eine gestörte Gemeinschaft wiederherzustellen.
Wahrheit und Versöhnung gehören für Jesus zusammen.
Christliche Liebe bedeutet deshalb nicht, alles gutzuheißen oder Unrecht einfach hinzunehmen.
Sie bedeutet vielmehr, den anderen trotz seines Fehlers nicht endgültig auf diesen Fehler festzulegen.
Das ist vielleicht gerade heute eine wichtige Botschaft.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen sehr schnell übereinander urteilen und einander auf eine bestimmte Meinung, einen Fehler oder eine falsche Entscheidung reduzieren.
Auch in Familien, Freundschaften und Gemeinschaften können Verletzungen dazu führen, dass man sich irgendwann nichts mehr zu sagen hat.
Dann ist es leichter, den anderen abzuschreiben, als noch einmal das Gespräch zu suchen.
Jesus fordert uns nicht dazu auf, jede Beziehung um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Es gibt Situationen, in denen Abstand notwendig ist und in denen man klare Grenzen ziehen muss.
Vergebung bedeutet nicht, dass Unrecht plötzlich ungeschehen wäre, und Versöhnung bedeutet nicht, dass man jedem Menschen wieder blind vertrauen muss.
Aber wir sollten darauf achten, dass aus einer berechtigten Verletzung kein dauerhafter Hass und aus einem Konflikt keine endgültige Feindschaft wird.
Und genau hier bekommt der letzte Teil des Evangeliums seine besondere Bedeutung. Jesus sagt: „Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“
Und schließlich: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Diese Worte stehen nicht zufällig am Ende dieses Evangeliums.
Jesus spricht zuerst von Menschen, die miteinander in Konflikt geraten, und anschließend davon, dass sie gemeinsam beten und sich in seinem Namen versammeln.
Damit macht er deutlich: Versöhnung ist nicht nur eine menschliche Leistung.
Wir können miteinander reden, wir können uns entschuldigen und wir können versuchen zu vergeben, aber es gibt Situationen, in denen wir Jesu Hilfe brauchen, weil die Verletzung zu tief sitzt oder der eigene Stolz zu groß geworden ist.
Vielleicht wäre deshalb manchmal ein anderes Gebet hilfreicher als das, was wir gewöhnlich beten.
Nicht: „Herr, ändere den anderen“, sondern: „Herr, zeige mir, was ich selbst tun kann.“
Vielleicht braucht es nur einen ersten Schritt, ein ehrliches Gespräch oder ein Wort, das schon lange darauf wartet, ausgesprochen zu werden.
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Das ist letztlich die große Hoffnung dieses Evangeliums.
Christus ist nicht nur dort gegenwärtig, wo alles harmonisch und vollkommen ist.
Er ist auch dort gegenwärtig, wo Menschen miteinander ringen, wo Verletzungen bestehen und wo Versöhnung noch nicht gelungen ist.
Vielleicht sollten wir deshalb bei einem Konflikt nicht immer zuerst fragen: Wer hat Recht?
Vielleicht ist die wichtigere Frage: Was kann ich tun, damit wieder Beziehung möglich wird?
Wo uns dieser Schritt gelingt, wo wir trotz einer Verletzung das Gespräch suchen, wo wir bereit sind, zu vergeben, ohne das Geschehene zu leugnen, und wo wir unseren eigenen Stolz überwinden, dort kann etwas von dem sichtbar werden, was Jesus mit seinem Evangelium meint.
Denn letztlich geht es nicht darum, dass einer gewinnt und der andere verliert.
Es geht darum, dass Menschen einander nicht verloren gehen.
Und vielleicht beginnt genau dort, wo einer den ersten Schritt wagt, auch die Gegenwart dessen, der gesagt hat:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Amen.