14/12/2025
Predigt von Bischof Don Erminio zum 3. Adventsonntag – GAUDETE – 14. Dezember 2025
Christliche Jesusbruderschaft Österreich
Liebe Schwestern und Brüder, „Gaudete – Freut euch!“ ruft uns die Liturgie heute zu.
Mitten im Advent, mitten im Warten, mitten in der Dunkelheit ruft uns die Kirche zur Freude.
Und doch – wir wissen es alle – ist diese Freude für viele Christinnen und Christen heute schwer zu spüren. Die Realität unserer Kirche, nicht nur hierzulande, ist geprägt von Herausforderungen, Schmerzen, Verlusten und tiefen Fragen.
Und gerade deshalb braucht es heute eine ehrliche, liebevolle, mutige Predigt. Eine Predigt, die hinschaut und nicht weg. Eine Predigt, die die Freude nicht oberflächlich über die Wunden legt, sondern sie aus der Wahrheit hervorbrechen lässt. Denn Freude ohne Wahrheit wäre bloßes Lächeln ohne Herz.
I. Wir erleben eine Kirche im Wandel – und im Schmerz
Liebe Schwestern und Brüder, es ist kein Geheimnis:
Die Priester werden weniger, Pfarren werden zusammengelegt,
dort wo früher ein Priester vor Ort war, steht nun eine verschlossene Kirchentür,
Übergriffe und Missbrauch haben unermessliche Wunden geschlagen, viele Gläubige verlassen die Kirche,
und immer mehr Menschen verwechseln den Glauben mit dem Institutionellen, anstatt den Glauben an unseren Herrn und Bruder Jesus Christus – das eigentliche Fundament – in den Mittelpunkt zu stellen.
Wir müssen das wahrnehmen, ohne Angst.
Wir müssen es aussprechen, ohne Beschönigung.
Wir müssen es annehmen, ohne zu resignieren.
Denn: Jesus Christus ist nicht der Problemverursacher unserer Kirche – Er ist ihre Lösung.
II. Was ist Kirche? Und was sollte sie sein?
Wir haben als Kirche – über viele Jahrhunderte – eine gefährliche Verwechslung zugelassen:
Viele Menschen glauben heute mehr an die „Kirche“ als Institution als an Jesus Christus als Herrn und Bruder.
Doch Kirche ist nicht zuerst eine Verwaltung, keine Struktur, kein Machtgefüge.
Kirche ist Gemeinschaft. Kirche ist Beziehung. Kirche ist gelebtes Evangelium.
Kirche ist Tischgemeinschaft.
Und im Zentrum steht – und darf niemals ersetzt werden:
Jesus Christus ist der Herr und Bruder aller Menschen.
Seine Botschaft ist kein moralischer Regelkatalog.
Seine Kirche ist kein System von Vorschriften.
Seine Gegenwart in der Welt ist kein Monopol einer Amtsgruppe.
Im Mittelpunkt steht: sein Wort, seine Liebe, sein Dienst,
sein letztes Abendmahl, seine Eucharistie, die ER – nicht wir – der Welt geschenkt hat.
Die Eucharistie hält die Gemeinschaft zusammen – nicht menschliche Moralvorstellungen.
Wir haben manchmal die Moral vor den Herrn gestellt.
Doch Christus sagt klar:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Er ist der Mittelpunkt – nicht unsere Sicherheiten.
III. Warum so viele Kirchen? Unser Herr ist EINER
Heute fragen viele – und sie haben ein Recht darauf:
„Warum gibt es so viele christliche Kirchen, so viele Richtungen, so viele Spaltungen – wenn doch Jesus Christus EIN Herr ist?“
Die Antwort ist bitter:
Weil wir Menschen das Evangelium zersplittert haben.
Weil wir nicht die Einheit Christi gesucht haben, sondern die Durchsetzung eigener Traditionen.
Weil Institutionen oft wichtiger waren als die Liebe.
Doch der Geist Gottes führt immer zurück – zur Einheit in Christus, zur gemeinsamen Taufe, zur einen Würde aller Getauften.
IV. Die Frage der Frauen – eine offene Wunde
Und nun kommen wir zu einer der größten Herausforderungen unserer Zeit. Ich spreche sie als Bischof bewusst klar aus:
Die Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen in allen kirchlichen Diensten und Ämtern lässt sich nicht mehr unterdrücken. Ob dann deswegen die Gläubigen wieder mehr werden ist fraglich! Nicht mehr wegschieben.
Nicht mehr mit formalen Argumenten abwehren.
Die Zeichen der Zeit sind eindeutig:
Die Amazonassynode 2019 stellte die Frage neu.
Der Synodale Weg in Deutschland ringt um Antworten.
Ein Bischof wie Georg Bätzing nennt die Gleichberechtigung das zentrale Zukunftsthema.
Theologinnen und Theologen weltweit zeigen auf: Es gibt keine überzeugenden theologischen Gründe mehr gegen die Frauenordination.
Und doch hält Rom fest – traditionell, zögerlich, ängstlich.
Ich sage es in Liebe, aber mit Klarheit:
Die Angst der Kirche darf nicht größer sein als das Wirken des Heiligen Geistes.
V. Was sagt die Heilige Schrift? Was sagt die älteste Tradition?
Ein zentrales Wort möchte ich heute besonders verkünden. Es ist einer der kraftvollsten Texte zur Würde aller Getauften: Gal 3,27–28
„Die ihr auf Christus getauft seid,
habt Christus angezogen.
Da ist nicht Jude noch Grieche,
da ist nicht Sklave noch Freier,
da ist nicht männlich und weiblich.
Denn ihr alle seid EINER in Christus Jesus.“
Was bedeutet das?
In der Taufe tragen wir Christus wie ein Gewand.
Wir haben seine Identität angezogen.
Die Unterschiede dieser Welt – Herkunft, Stand, Geschlecht – verlieren ihre trennende Bedeutung.
Frauen und Männer sind in Christus gleich.
Jede und jeder Getaufte repräsentiert Christus in der Welt.
Die ersten Christinnen leiteten Gemeinden.
Frauen wie Junia (Röm 16,7) und Phöbe (Röm 16,1) hatten apostolische und diakonische Aufgaben.
Die ersten Gemeinden kannten kein sakramentales Priesteramt, das Frauen ausschloss.
Dieses entwickelte sich erst später – aus historischen, nicht aus göttlich geforderten Gründen.
VI. „In persona Christi“ – wer darf Christus repräsentieren?
Heute lautet das Hauptargument gegen die Frauenordination:
„Nur ein Mann könne Jesus Christus in der Eucharistie repräsentieren.“
Doch das Neue Testament sagt etwas anderes: Wer getauft ist, hat Christus angezogen.
Wer getauft ist, repräsentiert Christus. Wer getauft ist, empfängt den Geist und die Charismen.
Deshalb:
Eine Frau kann ebenso „in persona Christi“ handeln wie ein Mann.
Denn nicht das biologische Geschlecht macht Christus gegenwärtig – sondern der Geist Gottes, der auf allen Getauften ruht.
VII. Gegen den Klerikalismus – für eine geschwisterliche Kirche
Christus selbst sagt: „Ihr alle seid Geschwister.“
In Christus gibt es nicht: oben und unten,
Geistliche und Laien als zwei Klassen,
männliche Vertreter Christi und weibliche Zuschauerinnen.
Wenn wir Gal 3 ernst nehmen, dann müssen wir auch ernst nehmen:
Die Taufe macht uns alle gleich. Die Weihe darf uns nicht wieder trennen.
VIII. Die Kirche hat die Pflicht, ihre Strukturen zu erneuern
Das dreistufige Weiheamt – Bischof, Priester, Diakon – ist keine von Jesus explizit eingesetzte Struktur. Vielmehr ist es historisch gewachsen.
Und alles, was gewachsen ist, kann wachsen, sich öffnen – und sich verändern.
Die frühe Kirche hat sich gemäß den Herausforderungen ihrer Zeit neu organisiert.
Heute stehen wir vor unseren eigenen Herausforderungen:
Priestermangel, Vertrauensverlust, kulturelle Veränderungen,
neue Rollenbilder, tiefe Sehnsucht nach geistlicher Heimat.
Daraus folgt: Die Kirche hat nicht nur die Vollmacht, sondern die Pflicht, Strukturen zu erneuern.
Nicht um modern zu sein, sondern um evangeliumstreu zu sein.
IX. Gaudete – Freut euch! Doch worüber sollen wir uns freuen?
Wir freuen uns heute nicht über die Krisen. Wir freuen uns über das, was Gott daraus wachsen lässt.
Wir freuen uns über: den Mut vieler Gläubigen,
die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in der Kirche,
den Ruf nach Gleichberechtigung,
den Geist, der weht, wo er will,
die Erkenntnis, dass Christus größer ist als jede Struktur.
Wir freuen uns, weil: Der Herr kommt – und Er macht alles neu.
X. Schluss: Eine Kirche der Zukunft – eine Kirche Jesu
Liebe Schwestern und Brüder, unsere Kirche der Zukunft wird nicht durch Strukturen gerettet, nicht durch Zäune, nicht durch Verbote.
Sie wird gerettet durch Christus – und durch Frauen und Männer, die Ihn ernst nehmen.
Eine Kirche, die Christus in den Mittelpunkt stellt, wird eine Kirche der Geschwister sein, eine Kirche ohne Angst,
eine Kirche ohne Machtmissbrauch,eine Kirche ohne Mauern.
Die Freude des heutigen Sonntag sagt uns: Gott ist am Werk.
Christus kommt.
Macht Euch bereit – nicht ihn an unsre Regeln anzupassen, sondern wir uns an Ihn. Amen.