20/05/2026
Der Ehemann musste zustimmen, damit eine Frau ihr Bankkonto eröffnen konnte. Sie konnte ohne sein Einverständnis keinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Und wenn er wollte, konnte er allein über die Erziehung der Kinder bestimmen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war das geltendes Recht. Dann trat eine Frau auf den Plan: Elisabeth Selbert. Gemeinsam mit Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel wurde sie in den Parlamentarischen Rat berufen. Und der wiederum sollte das neue Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erarbeiten. Vier Frauen unter 65 Männern. "Mütter des Grundgesetzes" werden sie genannt.
Elisabeth Selbert hatte von Anfang an ein klares Ziel. "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Dieser Satz sollte ins Grundgesetz. Als Selbert 1896 in Kassel geboren wurde, durften Frauen noch nicht wählen. Sie wuchs in einem liberalen evangelischen Elternhaus auf und war eine gute Schülerin. Trotzdem erhielt sie, wie damals üblich, kein vollwertiges Abschlusszeugnis. Das empfand sie als zutiefst ungerecht und hat es nie vergessen.
Sie wurde Fremdsprachenkorrespondentin und lernte ihren Mann Adam kennen. Anders als die meisten Ehepaare ihrer Zeit, teilten sie sich den Haushalt und erzogen die Kinder gemeinsam. "Ich will ihm ein Gegenüber machen, das ihm entspricht" heißt es in einer Übersetzung der biblischen Schöpfungsgeschichte. Danach scheint das Ehepaar gelebt zu haben.
Elisabeth Selbert holte ihr Abitur nach, studierte Jura und eröffnete eine eigene Anwaltskanzlei. Frauenrechte waren ihr Lebensthema. Ihr Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" stieß zunächst auf Ablehnung im Parlamentarischen Rat. Doch Selbert gab nicht auf.
Sie reiste durchs Land, hielt Vorträge und rief Frauen dazu auf, sich einzumischen. Am 23. Mai 1949 wurde ihr Einsatz belohnt: Artikel 3 Absatz 2 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" wurde ins Grundgesetz aufgenommen. Die rechtliche Gleichstellung brauchte Jahre, um im Alltag anzukommen. Und sie ist an vielen Stellen noch immer nicht erreicht. Deshalb müssen wir aus meiner Sicht wachsam bleiben gegenüber Rollenbildern, die uns zurückwerfen wollen. Was Elisabeth Selbert errungen hat, dürfen wir nicht wieder aufgeben.
/ Pastorin Silvia Mustert in "Die Morgenandacht" auf NDR Kultur und NDR Info