29/07/2026
Auf der Suche nach Gott
Ein Gelehrter kam zu einem Rabbi. Weil er viel Gutes von ihm gehört hatte, brachte er ein ganz persönliches Anliegen vor und sagte: »Jetzt habe ich viele Jahre Theologie studiert und Bücher über Bücher gelesen, aber Gott ist mir bisher noch nie begegnet!« Der Rabbi antwortete: »Dann hast du dich noch nicht genug gebückt!«
Der Rabbi erkannte sofort, wie verkopft der Gelehrte war. Er machte daher nicht viel Worte, die der Gelehrte ja bereits zur Genüge in sich aufgenommen hatte, sondern wies ihn einfach und schlicht darauf hin, dass er sich in seinem Leben noch nicht genügend gebückt habe. Vielleicht sah er in ihm sogar einen gewissen Stolz und eine gewisse Überheblichkeit. Durch diese radikale und kurze Antwort wird der Rabbi das Herz des Gelehrten getroffen haben – aber auch den Nerv unserer Zeit.
Jeder möchte alles aus sich selbst heraus machen und sich nichts von anderen sagen lassen. Auch junge Menschen sind zum Teil schon so überheblich, dass sie glauben, alles selbst in die Hand nehmen zu können – ohne zu bitten, zu fragen und zu danken. Wie unbefriedigend und wenig erfüllend diese Einstellung und diese Vorgehensweisen sind, zeigt die Vereinsamung vieler Menschen, die Zunahme psychischer Krankheiten und die steigende Zahl der Selbstmorde in der Welt.
Der weise Rat des Rabbis besteht nun darin, den Kopf nicht zu selbstbewusst zu erheben, sondern sich zwischenzeitlich und immer wieder zu bücken. Das »Bücken« kann nun auf verschiedene Weise ausgelegt werden. Wir unterbrechen die Kopfarbeit und wenden uns ganz gewöhnlichen praktischen Arbeiten zu. Vielen behagt das nicht, denn sie meinen, etwas Besseres zu sein, und lassen andere gern diese Arbeiten für sie verrichten. Doch ist mit dem »Bücken« auch die geistige Haltung angesprochen, der oftmals die Demut, das Schweigen, das Sich-Bescheiden und die Liebe fehlt. Es folgt daraus ein weiteres, wohl das wichtigste Element, das in der rechten Ausübung des christlichen Glaubens besteht.
Ohne einen geistlichen Weg zu wählen und zu gehen, kann Leben auf die Dauer nicht gelingen. Der Mensch wird bei all seinen Eigenentwürfen, Versuchen und Irrtümern erfahren, dass es mit Gott ein Fundament gibt oder geben muss, das ihn trägt, das ihn aus sich entlassen hat und einmal wieder in sich aufnehmen wird. Er wird spüren, dass es einen Schöpfer gibt, dem wir uns verdanken.
Und genau hier, im Danksagen, beginnt das »Bücken«. Nicht mein Ich und mein Wollen stehen an der ersten Stelle, sondern Gott, der mich zur Bewährung in diese Welt geschickt hat. Er möchte nicht, dass wir ihn aus unseren Augen und unseren Herzen verlieren, denn er möchte uns Liebe zukommen lassen und von uns wiedergeliebt werden.
Unser Wille, unser Wissen und in jeglicher Hinsicht auch unser Vermögen haben auf die Gottesliebe keinen Einfluss, sondern nur unsere Hingabe.
Das Ruhegebet, eine einfache und leicht auszuführende Gebetsweise, erfüllt diese Aufgabe: Wir verneigen uns – bildlich gesprochen – durch Hingabe so tief vor Gott, dass wir ihn damit bereits schweigend anbeten. Der Gelehrte hat einerseits »alle« Bücher gelesen, doch diesen Schritt in die wirkliche Gottesnähe nicht gewagt. Vielleicht hat ihm auch vorher niemand davon erzählt, dass es außer dem Wissen eine weitaus notwendigere Ebene gibt: die Glaubenserfahrung, die zur Gotteserfahrung wird.
aus: Ruhegebet im Alltag
von Pfarrer Dr. Peter Dyckhoff (†)